Tourtagebuch

Deichbrand, Cuxhaven

23. Jul. 2022

von Totte

Unser erstes Deichbrand fiel ins Wasser, buchstäblich. Wir saßen in unserer Hamburger WG parat, und erhielten von Burger, der mit den Schröders bereits am Platz war, neueste Meldungen zur Unwettersituation, bis dann irgendwann die Message „Bleibt, wo ihr seid, hier geht nix mehr“ durchkam, und wir uns mit Zombiefilmen und Pizza über das erste abgesagte Konzert unserer Laufbahn wegtrösteten.

Im Jahr danach durften wir aber nochmal ran, als Aftershow-Special nach Lotto King Karl. Da sahen wir dann zum ersten Mal die beeindruckende Kulisse des Deichbrands in natura. Wow, so unser Eindruck.

Anscheinend bauten wir glücklicherweise wenig genug Mist, um fortan immer wieder mal zum großen Event bei Cuxhaven geladen zu werden, und es war eigentlich immer ein Fest. Von unseren Auftritten abgesehen, konnten wir dort KIZ, Fünf Sterne Deluxe und noch viele andere Superauftritte erleben, trafen stets Freunde wie Le Fly oder Milliarden, und flanierten in der gigfreien Zeit entspannt ums Riesenrad. Meistens spielten wir im Zelt, dass das wundervolle Publikum stets in einen tropfenden Hexenkessel verwandelte.

Dieses Mal spielen wir, soweit ich mich recht erinnere, erstmals seit dem Lotto-Anschlussauftritt, wieder auf einer der beiden großen Open Air Bühnen, der Firestage. Um13 Uhr, bei bestem Wetter. Da möchten wir natürlich einen guten Eindruck machen. Was die Situation für uns aber etwas erschwert, ist die Tatsache, dass wir diesmal nur zu viert anreisen, denn neben Rüdi, der ja bekanntermaßen noch von seinem Schlaganfall rekonvalesziert (erfreulicherweise übrigens sehr gut), hat sich diese Woche Fred, sonst immer einer der ersten, als absoluter Trendnachzügler, mit Corona angesteckt. Auch ihm geht’s gut, aber Menschenmenge ist eben nix, klare Sache.

Also brettern Pensen und ich, smoove kutschiert von Labörnski, aus Hamburg an, während Burger aus Gandersheim heraneilt, und Tonchief Kai von Bremen zu uns düst. Sorry Umwelt, wir findens selbst auch scheiße, aber so kurzfristig gings wirklich nicht anders. Wie die Stimmung in den andeen Autos ist, weiß ich nicht, ich hoffe aber, gut. Bei uns herrscht ein Stimmungsmix zwischen Urlaub, aufgekratzt und ein wenig sorgenvoll ob unserer heutigen Aufgabe. Aber das entspannte Land und die vielen gescheckten Kühe links und rechts heben beruhigend die Laune. Merci, Muhkühe.

Beim Deichbrand angekommen, werden wir von allen Menschen, die wir treffen, superlieb und mordskompetent empfangen, zur Bühne geleitet, und in die Arme genommen. Sogar nachdem wir, von mir sicher weggeleitet, uns in der falschen Garderobe breit machen, ist uns niemand böse, sondern nimmt uns still bei den Händen und geleitet uns ins Nachbarzimmer.

Wir treffen Nico, Deichbrand-Chefin Theresa, Tristan von Raum 27 und natürlich auch Burger und Kai, und alles ist schön. Wetter, Backstagecity, Kühlschrank. Wir schreiben rasch unsere Setlist und überlegen uns Schmankerl, dann gehen Nico, Börnski und ich zur Waterstage, der anderen Open Air- Bühne, wo heute der Rapper Finch (vormals Finch Asozial) das Festival eröffnen wird. Ein ziemlich guter Schachzug des Festivals, denn der Herr ist derzeit gehyped, dass sich der Platz schon um 11:30 Uhr mittags füllt wie zur besten Headlinerzeit. Der Auftritt hats in sich, selten habe ich soviel Energie mit Sonnenhüten gesehen. Der Boden bebt und die Menge ist ein Meer bei höchstem Wellengang. Finch rockt profund und sympathisch, und seine Musikmelange aus HipHop und 90er-Elektroschlagerpop tönt bassig übers Feld. Ich bin von seinen Texten nur mäßig begeistert, aber erstens, was zählt meine Meinung, und zweitens, habe ich als HipHop-Fan bereits diverse Interviews mit ihm gesehen, und was er da sagt, sagt mir schon zu. Also gönne ich vollen Herzens, allerdings hängt das Herz jetzt in Kniegegend, denn danach sind wir dran, auf der Bühne gegenüber und zu viert. Also Sachen gepackt und hin da. Auch hier ist das ganze Team enorm sympathisch und hilft und macht und hat bereits alles für uns aufgebaut. Sogar anscheinend schon eine erste Reihe Publikum, die ich sogleich freudig begrüße. Die Aufgeregtheit weicht sorgenlosem Fatalismus. Heute wird unser Konzert auch noch gestreamt, das hatte ich komplett vergessen. Aber was solls, jetzt müssen wir da durch. Der Soundcheck geht rasch und klappt super, und wie ein Zahnrad greift alles perfekt ins andere. Finch erledigt die Masse nebenan endgültig, dann klingelt der Wecker und wir entern unsere Bühne. Auch hier zum Glück vor schon vielen, vielen Leuten, die freudig und erwartungsvoll zu uns hochschauen. Also hoch, wegen Bühne, sonst läuft ab jetzt alles auf Augenhöhe. Plötzlich sind wir voll gelöst, haben Bock und krachen durch unsere Setlist. Ich debütiere mit der Nasenmelodica ersatzweisde für Freds Nasenflötensolo, das klappt sogar ganz gut, und alle mache mit beim 50 minütigen Pogo, Sing, und Miklatschgemonstere. Einfach herrlich. Überhaupt ist das Publikum der Star des Moments, Polonaisen und Verkleidungen, viel Gelächter und eine Wolke der Liebe schwebt über em Platz. Mich beeindrucken ein paar Damen und Herren in Feuerwehrkostümen, was mich dummerweise dazu verleitet, vor Türen darüber zu freestylen, was wirklich gehörig in die Hose geht, aber dafür rettet uns der aus dem Publikum fliegende blaue Elefant, den wir flugs wiederbeleben, eine Strophe für ihn erfinden, und dann wohlauf dem Besitzer zurück überantworten können. Ein großes, großes Fest, dass mit Trinkt mit mir, Seefahrerlied, Cola Korn einen schallenden Abschluss findet. Was für ein schöner Auftritt, dessen seltsame Voraussetzungen natürlich da ordentlich reinspielen.

Kurz atmen wir durch, dann aber müssen wir schon zum Merchandisezelt, wo wir einen weiteren kleinen Auftritt haben, den unser Monstersmercher Fabi, heute hier als Deichbrand-Merchmann, für uns organisiert hat. Sie haben hier eine richtig schöne kleine Bühne hingezaubert, und es steht sogar schon eine höchst beeindruckend gedrängte Menge toller HörerInnen da. Wie cool. Wir hingegen sind nochmals geschrumpft, denn Pensen musste dringend zum Zug, weil er heute in Gelsenkirchen beim Sondaschule-20 Jahre-Jubiläum mitmischt. Unsere besten Wünsche für die Jubilare an dieser Stelle.

Auch Novum: Burger, Börnski und ich spielen jetzt stehend, erstens, weil man uns so sehen kann, zweitens wegen Bock drauf. Merchmischer Timo macht den Sound und ab gehs für ca 20 Minuten. Wir spielen Frösche, Alsterstaat, Jägermeister am HBF, Bitte Bitte, Vier Meter und krawallen uns zugabenmäßig noch durch enorm verhunzte Versionen von Griechischer Wein und, weil es derart lautstark gefordert wird, Cola Korn, allerdings nur die erste Strophe halb, dafür aber ca 5x den Refrain accapella, weil wir das schließlich überhaupt nicht spielen können, und alle Monsters, die es könnten, nicht da sind. Ist aber trotzdem eine sehr schöne Version geworden. Ich fands fast noch lustiger als den ersten Auftritt, aber ich mag ja auch Chaos. Nach dem Auftritt bleiben Börnski und ich joch eine ganze Weile, treffen, Fredi, Ulli und Wiebke, trinken ein, zwei Bier auf dem Festivalplatz, genießen noch die Merchauftritte von Raum 27 und Tonbandgerät, dann aber wird’s doch langsam Zeit, aufzubrechen, und freudig, gerührt und dankbar steigen wir ins Auto und brausen durch den Sommerwind gen Heimat, als Soundtrack „Die Ärzte früher“ und „Die Ärzte“ von die Ärzte, und das einzige, was mich jetzt noch erbost an diesem sonst so schönen Tage, ist die unsägliche „Frühjahrsputz“-Version von Geschwisterliebe, die fast vollständig die gesamte Atmosphäre dieses grandiosen Albums killt. Aber das ist vielleicht eher ein Thema für eine neue Kolumne, hier ende ich lieber mit viel Dank in alle Richtungen, Freunde, Merch, Teams, Bands, Crews, Helfer und Publikum, und der Hoffnung, dass wir uns bald wiedersehen. Und vor allem: Komplett. Genest rasch und vollstens, liebe Kollegen, alle Perfektion bleibt fehlerhaft ohne euch.