Tourtagebuch

T-Mania Festival, Beverungen-Dahlhausen

25. Jun. 2022

von Totte

Oha, oha, schon wieder Dienstag und noch keine Zeile Konzertbericht im Kasten. Das liegt daran, dass der Kasten die letzten zwei Tage komplett damit beschäftigt war, Youtubemitschnitte der schlechtesten Deutschrapzitate von 2020-22 ablaufen zu lassen. Ich bin suchtaffin, sobald mich was ansatzweise catcht, gibt’s kein Halten mehr. Schlecht gegen meine Stimmungstiefs, gut für die paar gesünderen Gepflogenheiten, die ich noch halten konnte. Allerdings in letzter Zeit auch nicht mehr so, seit 12 Tagen bin ich bis heute nicht mehr zum Joggen gekommen, weil die Tage klebten und der Kopf unruhig zirkelte. Aber genug von mir, wir sind ja hier nicht bei Sträters, sondern in Monstershausen, und da sind immer alle superfunnyfrisch. Die Zeit spult sich bis Samstag 12 Uhr mittags zurück:

Ich erreiche Harburg im Sonnenschein, und Fred ist natürlich bereits da, frisch gespornt, bemietwagend, mit Kaffee und Zigarette bumsfidel zum Roadrocken, wie die cool people von irgend einem anderen Kosmos aus hoffentlich längst begrabenenen Zeiten sagten. Das „people“ lass' ich klein, denn dann wirkt der Text hier internationaler. Pensen und Börnski kommen auch fast zeitgleich an, letzterer nach einer Chaosreise mit feststeckenden Bahnen, stromlosen Dunkelbussen und feuerwasserspeienden Drachen.

Ab ins Auto, ein SUV, wie Fred ernstlich bedauernd betont, aber der Vermieter ließ sich partout nicht von einem Upgrade abbringen. Er hat quasi gegen unseren Willen rumgelindnert.

Von der Fahrt ist eigentlich nur berichtenswert, dass wir ganz gut durchkommen, aber vom „Blümchenbus“ überholt werden, was uns zu einer angeregten Unterhaltung über uncooles Touren animiert. Blümchen samt Bus (Heckaufkleber: www.jasmin-wagner.de) sind natürlich diesbezüglich über jeden Zweifel erhaben, leider ist meine Handykamera zu doof, um das Auto sichtbar einzufangen. Im Heck unseres Wagens laben sich Frischemische an Dosengetränken und sind anscheinend bestgelaunt, was schön ist, denn wo trifft man heutzutage noch bestgelaunte Musiker unterhalb der Rammsteinverdienstgrenze? Meine Laune steigt aber auch rasant, als irgendwann, während wir durch sonnengeflutete Täler fahren, die neuen Eps von Weezer, )Spring und Summer) ertönen, schon seit langem hatte ich durch Musik nicht mehr derartige Glücksgefühle. Weezer sind musikalische Magier, im Punkfanzine www.bierschinken.net las ich unlängst einen Konzertbericht über ein Konzert der Band zusammen mit Green Day, und obschon ich Green Day sehr mag, war die geringschätzige Haltung, die der Autor gegenüber Weezer an den Tag legte, wieder mal einer der inzwischen beinahe traditionellen Beweissätze dafür, dass Punkpressebuben musikalisch mit 99prozentiger Wahrscheinlichkeit kulturell komplett visionsfrei durchs Leben schluffen. Traurig. Ganz im Gegensatz zu Weezer, die Shakespeare mit Vivaldi, Jethro Tull, den Kinks und Van Halen vermischen und dabei trotzdem komplett Weezer bleiben. Schade, dass es in diesem Bericht hier um uns geht, aber hilft ja nichts:

Wir kommen an und erkennen alles wieder. Den Platz, die Zelte, das klassische Catering mit Wiener Würstchen und veganer Linsensuppe und permanentem Biernachschub. Vor vielen Jahren haben wir hier gespielt, im strömenden Regen in ausgelassener Laune, denn wir lernten hier Sondaschule kennen, lieben, und feierten mit ihnen noch die halbe Nacht. Das T-Mania-Festival hieß damals noch Tittemania, ich schätze mal, die Zeit hat ein paar Buchstaben gefressen. Es benannte sich allerdings nicht nach den Körperteilen, sondern nach dem Veranstalter, der so hieß, zugegebenermaßen hieß er aber so wegen der Körperteile. Ich kenne die Geschichte nicht. Aber er ist hier, kommt gleich breit lächelnd auf uns zu, ist fidel ud herzlich wie eh, nur trau ich mich nicht, ihn heute noch „Titte“ zu nennen, und sein Alternativname ist mir entfallen, darum laviere ich den ganzen Tag rum. Überhaupt kann ich mir heute von Anfang an keine Namen merken, und das obwohl so viele supernette Leute hier sind, die eine Erwähnung verdient hätten. Die Crew, Bands, Licht, Ton, alle Leute, Publikum, sogar wir. Aber wer sind wir alle schon? Gäste auf Zeit. Lasst uns darum heute drum kümmern, allen eine schöne selbige zu bescheren. Merken kann ich mir aber die beiden Bands, die vor uns spielen, und die beide toll sind: Der Tag des dümmsten Gesichts (aus Münster) mit schönstem Rumpelpunk über unter anderem Kartoffel- und Birnensalat und Halftime (aus Bremen), die in eher opulente sphärische Rockmusik gehen. Applaus für beide.

Danach sind wir dran, und falls es jemandem hier noch nicht aufgefallen ist: Wir sind heute nur zu viert. Das ist eine Ausnahmesituation, die wir möglichst stets umgehen möchten, denn richtig gut fühlen wir uns nur komplett zu sechst, immerhin sind wir eine Band, kein Projekt. Auch wenn das immer noch gerne von uns behauptet wird. Leider fällt heute neben Rüdi, dessen Gründe wohl bekannt sein dürften, auch Burger aus, und da Freds Finger immer noch nicht wieder heile ist, sitzen wir heute als vier Sänger mit zwei Klampfen da. Hm, könnte strange werden.

Andererseits sind wir in guter Laune, und der Platz hier anscheinend auch, wir gehen also auf die Bühne und monstern schon zum Soundcheck. Wir sitzen heute auf Biertischen, die Füße auf Bänke gestützt, um hoch genug und sichtbar agieren zu können. Eine wackelige Angelegenheit, aber nicht so sturzgefährdend wie die Barhocker, die uns das T-Mania-Team liebevoll extra angekarrt hatte. Pardon vielmals, wir wissen die mühe zu schätzen, aber drehbare Hocker und Monstermotorik, das nimmt kein gutes Ende.

Showtime Monstervierer. Kurz gesagt: es macht extrem Laune. Etwas länger gesagt: Die Stimmung ist von Beginn an klasse. Ausgelassen, wenig Jazz, aber viel Gequatsche, Rock und Hände hoch. Und doch anscheinend nicht zuviel Gerede, denn unsere eigentlich knackevolle Setlist kriegen wir bequem in den 90 Minuten untergebracht, ohne auf Spontanlieder über Pennywiseshirts, Sonnenbrillen oder Auslassungen über Schlossbräu Rheder verzichten zu müssen. Das Konzert ist quasi eine bunte Benjamin Blümchen-Torte, süß, Party, wenig Feuilleton, aber sehr viel gute Laune. Die Sonne knallt von der ersten Minuten direkt in unsere Gesichter und schmelzt unsere Hirnzellen. Dufte. Das Publikum singt, trinkt, klatscht und lacht, und wir werfen Handküsschen der Freude. Ein Prost auf alle.

Leider müssen wir nach dem Konzert wieder recht schnell los, irgendwie läuft das dieses Jahr so, fast glaube ich, die Band hat angst, was zusammen zu erleben. So bleibt nur kurz Zeit für ein Prosit mit meinem Kumpel Jürgen, ein schnelle Hallo hier und da und ein bisschen wundervolle Livemusik der Liga der gewöhnlichen Gentlemen, die melodiöse Smartness und Stil von der Bühne versprühen. Wir vier verabschieden uns kurz aber schmerzhaft in Love von Leuten und Szenerie, hoffen, irgendwann mal komplett hier aufschlagen zu dürfen und entschwinden wie Cowboys im Sonnenuntergang. Galoppgalopp, Mundharmonika, Merci.