Tourtagebuch

Burg Frankenstein, Darmstadt

18. Aug. 2022

von Totte

Dass der Wecker klingelt, nehme ich ihm nicht übel, er hat ja nur diese eine Aufgabe, was soll er also sonst tun? Dass er das aber schon um sechs Uhr früh tut, kreide ich ihm an. Aber nur, weil ich noch zu müde für Selbstkritik bin, denn natürlich weiß ich, dass ich ihn schließlich auch auf eine spätere Zeit hätte stellen können. Zur derart viel Selbstreflexion bin ich letztlich gegen halb acht bereit, dann aber volle Kanne, und ich schlüpfe in meine joggingklamotten, um ein bißchen durch Krefeld zu laufen. Da ich das dauerlaufen in den letzten Wochen hab schleifen lassen, pruste ich gleich, nachdem ich das Hotel verlassen habe, wie eine kettenrauchende Gießkanne, aber recht rasch komme ich wieder in den Rhythmus, und dann erreiche ich auch noch eine Parkanlage, und alles ist schön. Jedenfalls bis zum Zeitpunkt, wo ich wieder umdrehe, um zurückzulaufen. Ich weiß nicht genau, wie das geht, doch ich schätze, das hat was mit der Erdrotation zu tun, dass ich, obschon ich gefühlt exakt den gleichen Weg laufe, völlig woanders aus dem Park rauskomme. Ungeil. Leider nicht unbekannt. Das passiert mir auch zuhause, wenn ich vom Bad zurückkomme und ins Bett will.

In Krefeld ist es damit verglichen nicht so schlimm, weil hier andere Menschen sind, die mir helfen können, aber dass die allesamt erstmal erschrocken die Augenbrauen hochziehen, um dann zu ächzen: „Da wollen Sie hin? Zu Fuß?“, das schockt nur semi. Darum an dieser Stelle eine Bitte an alle potenzielle WegzeigerInnen: Macht das nicht. Nie mehr.

Na ja, um zu spoilern: Jawohl, ich fand zurück, und so spannend war die Story nicht. Aber nach 19 Jahren Tourtagebuch muss man nehmen, was kommt. Scusi.

Was ich dennoch nicht nehme, ist das Hotelfrühstück, jedenfalls nicht ein, denn obschon es wahnsinnig opulent ist, zermürben mich die ganzen Fragen der Hoteldame am Frühstückeinlass derart, dass ich nur einen Kaffee erflehe, und mich dann aus dem Staub mache. Abfahrt nach Darmstadt, bzw. zur Burg Frankenstein.

Was soll ich beschreiben? Fahrt unbedingt hin oder schauts euch zumindest im Netz an. Aber fahrt lieber hin. Es ist genauso beeindruckend, fast postkartengruseligkitschig, wie es klingt. Eine Burg auf einem Gipfel, mit Türmen und langgestrecktem Weg zum Innenhof, Treppen. Ecken und Ausblick zum Niederknien. Ebenfalls zum Niederknien: Alle MitarbeiterInnen, von Chef Ralph (Ralf?) über den spontan eingesprungenen, sehr kompetenten Tontechniker Simon, den klasse Lichtmann Dominik, den Superkoch Olli, bis zu Sabina, die uns empfängt, mit Sekt, Häppchen, lieben Worten und Know How empfängt, von der ich leider nur gerade nicht sicher bin, ob sie nicht doch eventuell Sabrina heißt. Kurz: es ist sehr schön auf Burg Frankenstein.

Wir Monsters vedödeln unsere Zeit bis zur Show mit einer Bandbesprechung, Spaziergängen zwischen den Zinnen der Burg und dem Inhalieren von Wasabinüsschen, die tatsächlich so scharf wie süchtigmachend sind. Dann steht der Soundcheck an, und alles klingt schnell wunderschön. Hernach ist fast schon Einlass, die Tatsache, dass die Stuhlreihen nur von der Bühne aus rechts vor der Burgmauer angeordnet sind, während der gesamte Restvorplatz lediglich mit ein paar Stehtischen garniert ist, verwundert uns, wir erklären es uns aber damit, dass die Sitzplätze primär der Sturzgefahr von der Brüstung vorbeugen sollen. Sehr einleuchtend und schlau. Aber Quatsch, wie sich nach der Show rausstellen wird, als für den morgigen Poetry Slam die Stühle dann ganz klassisch vor der Bühne drappiert werden.

Egal. Um 20:08 Uhr, jedenfalls circa, bweginnen wir mit der Show. Der Platz ist nicht gerade zum Bersten gefüllt, jedenfalls nicht so, wie bei the Sweet am Vortage, aber wir haben schließlich auch nicht so coole Historie oder Pressefotos, darum nimmt es uns nicht zu sehr mit. Denn wer da ist, ist heute super. Durch die Bank weg. Ein Qualitätspublikum erster Kajüte. Wir sind auch ganz gut, aber längst nicht so knackig fresh. Dafür aber in bester Spiellaune und oller alberner Ideen. Spontan besingen wir Werbeballons, tauschen Songs um, erfinden neue Lieder über Lemminge und Balkonisten, klatschen, singen und feiern mit den Menschen um die Wette. Wir spielen durchaus etwas zügiger als gestern, was nicht bedeutet weniger, aber etwas gestraffter, andererseits quasseln wir auch spontan irrwitzig um Köpfe und Krägen, Westernhagen schaut auch och überraschend vorbei und uns stehen Freude- wie Lachtränen in den Augen. Dem Pulikum scheint es zum Glück ähnlich gegangen zu sein, denn alle feiern mit uns in die Nacht und wir veredeln uns alle gegenseitig. Darum gibt’s auch heute ungeplant eine Extrazugabe unplugged, was sich vor der Burgkulisse besonders atmosphärisch befunkelt.

Das war wunderschön. Leider gibt’s bzgl. Aftershowparty nichts mehr zu erzählen, denn da wir Monsters allesamt extrem früh raus müssen und anstrengende Wege vor uns haben, geht’s nur noch ratzfatz ins Hotel, um dort in die Kissen zu schnarchen. Aber beim nächsten Mal werden wir dort bestimmt die Nacht zum Tag machen, mit Darmstädter Kaffee und Blitz und Donner, der neue monströse Homunkuli (Hommunkuli?) entstehen lassen wird. Eid drauf. Darmstadt und Umgebung: Hier ein großes Herz pour vous. Eine tolle Gegend voller toller Leute.