Tourtagebuch

Höpen Air, Schneverdingen

04. Jun. 2022

von Totte

Erstes Festival 22, die Sonne scheint, es ist halb sechs Uhr. Frisch und gut gelaunt, so kenne ich mich ja kaum. Ich laufe ein bisschen durch die morgendliche Botanik, treffe Frösche und Federvolk, aber keine Rehe. Na gut, man kann nicht alles haben. Zuhause spiele ich Gitarre, auch das ist mir neu, aber ich nehms, wie ich es kriegen kann. Wir Monsters treffen heute aus allen Ecken erstmals seit unserem Katerkonzert wieder zusammen, leider auch heute nur zu fünft, da Rüdi weiterhin Genesungszeit braucht. Aber wir werden die Lücke füllen, so gut es in unserer Macht liegt.

Ich hab Hummeln, und zwar an einer unmöglichen Stelle, darum kann ich nicht länger stillsitzen und muss eine Stunde früher als geplant zur Bahn, die mich zum Zug bringt, der mich zum Zug bringt, der mich zum Ort bringt, der mitten auf dem Fußweg zum Festival liegt.

Am Bahnhof treffe ich Fred, der Pensen am Bahnhof einsammeln will. Jener verspätet sich, und da ich nicht Pensen bin, laufe ich weiter, quer durch die Heide und bin ganz baff vor Schönheit der Landschaft. Hier müsste man mal Urlaub machen. Labörnski ist da schon weiter im Kopf, der befindet sich nämlich just hier samt Inga, Jesse und Kumpels, da er seit Wochen, Jahren, Monaten, durch die Landschaft urlaubswandert. Wir treffen zufällig beinahe zeitgleich beim Höpenair-Gelände ein, malerischst liegt die Bühne in bebanktem Tale, und strahlt stolz und stilvoll die Kraft einer 40 jährigen Legende aus. Happy Birthday, Höpenair!

Die Stimmung im Backstage ist entspannt und sehr freundlich, alle Damen und Herren der Crew sind liebevoll und hilfsbereit wie Heavy Metal Heinzelmännchen/mädchen, sie bemuttern uns und alle KollegInnenen mit Rat, Tat und massenweise bunter delikater Kulinarien. Imzwischen treffen auch die werten Kollegen ein, ohne lange Vorreden bastelt Burger eine töfte Setlist und alle überhören meine ständige Frage, ob wir nicht ein bißchen viele Lieder in die 75 Minuten Spielzeit gequetscht haben. Na ja, ich bin gewohnt, hier überhört zu werden, in unserem Kollegenkreis gelten oftmals nur selektiv Stimmen von bestimmten Monstern. Zur Ablenkung von Realitätstristesse hilft indes Schaumwein, und auch das Erscheinen der lieben Kollegen von Reis against the Spülmaschine und Grilli Flash erhöht den Freudepegel. Nichtsdestotrotz herrscht etwas Unklarheit, weil wir es irgendwie logistisch verschusselt haben, unsere Soundcheckzeit wahrzunehmen. Dumm von uns und nur durch whatsappbeingte Verpeiltheit zu erklären. Nun haben wir exakt fünf Minuten während der Anmoderation. Wie gesagt, unser Fehler, scusi. Ganz anders natürlich die werten RATS, die eingespielt, bestens klanggeklärt und aufgeräumt die Sause heute eröffnen und einen trimphalen Siegeszug der Herzen feiern, während wir noch leicht sommerbelämmert im Backstage sitzen, und uns aus unseren Individualleben zu schütteln versuchen. Klappt nur bedingt, aber egal, die Zeit rast plötzlich, schon funkelt Grilli on stage und wir müssen uns einmonstern. Während wir sehr liebevoll anmoderiert werden, sitzen wir bereits an unseren Plätzen, und Höpenair-Tonchef Henner müht sich fleißig, uns irgendwie zum Glänzen zu bringen. So beginnt der Auftritt recht krude, und ich muss scon sagen, dass es uns nicht besonders guttut, wenn wir aus der Kalten plötzlich losmonstern müssen. Unser Bandgefüge braucht immer für uns alle etwas Eingroovungszei, was mit Einzelauftritten nur sehr schlecht zu machen ist, besonders derzeit, wo wir auch noch in verminderter Mannstärke spielen. Diese Festivalsaison wird keine leichte. Aber wir werden uns anstrengen, versprochen.

Unsere Show heute ist zumindest ganz süß, würde ich sagen, ich habe Spaß und verliere mich genußvoll in dubiosen nsagen, verheddere mich bei Hamsterkäufe und quetsche darum noch entschuldigend ein Punklied zusätzlich in die eh schon berstende Setliste. Die Frischemisches sind ausgelassen, Fred ist ausgesucht höflich und Burger heute eher für Druck und Kraft zuständig. Das Publikum ist ganz reizend, trägt vorwiegend neongelbe AOK-Hüte und lacht mit uns. Der Mitsingpegel ist ohrenfreundlich, aber es gibt einigen Pogo zwischendurch. Leider überziehen wir ein wenig, der Soundcheck und wir selbst haben uns aus jedem Timing geworfen, dennoch dürfen wir eine Zugabe spielen, und das wärmt unsere Herzen. Nach uns werden weitere Bands die Bühne abreißen, Jupiter Jones, Wisecräcker, Grilli und Green 4a Day, und es wird ein knalliges Superfest, definitiv. Wir können leider nicht mehr allzu lang mitfeiern, denn unsere letzte Bahn fährt früh, darum gibt’s nur noch ein paar liebe Begegnungen mit lieben Menschen, ein, zwei Getränke und möglichst herzliche Verabschiedungen von den tollen HöpenerInnen, in der Hoffnung, sich alsbald wieder zu begegnen.

Die Heimfahrt ist recht idyllisch, von einer spontanen Diskursunhöflichkeit, der ich mich plötzlich ausgesetzt sehe, abgesehen, aber das ist immer noch besser, als die Schlagergröler-Junggesellenabschiedfeierer auf dem Hinweg. Hab ich noch gar nicht von erzählt? Schade, das wär nämlich eine echt tolle Story gewesen. Aber gut, so ists auch schön. Höpenair, wir danken Dir! Drei mal hoooooch!