Tourtagebuch

Taubertal, Rothenburg o. d. Tauber

14. Aug. 2022

von Totte

Um acht Uhr früh kitzelt mich die Sonne aus der Koje. Ach, Nightlinerfahrt, du edle, leider klimakillende. Wir genießen dich nur noch äußerst selten, aber wenn, dann sehr. Ab und an wären Fahrstrecken für uns nicht anders machbar, und dann rufen wir bei den lieben Buskollegen an, und die kutschieren uns dann durch die Welt. Heute zum Beispiel erst zum Taubertal, bevors dann nachts wieder gen Hamburg geht. Aber nun blinzle ich erstmal in die Sonne, treffe Soelve im Aufenthaltsbreich des Busses, wie er bereits fleißig und völlig überqualifiziert Backstagepässe auslegt und Wegbeschreibungen für uns malt, ich habe aber nicht viel Zeit, ihm zu huldigen, denn der Ruf de Natur erklingt. Ich schwinge mich aus dem Vehikel und spaziere durchs Tal, das sicher eins der schönsten Täler ist, und einen fulminanten Ausblick aufs schöne Rothenburg bietet. Hier läuft es sich gut an Fluss und Berg vorbei, allein die Riesenbühne und die Dutzenden fleißigen LKWs, Bagger etc. wirken einer Komposition von friedlicher Bergeinsamkeit entgegen. Aber es ist schließlich Festivalzeit, und wer hier just ackert, ist gut und herzig, sehr zu schätzen und einen großen Applaus wert. Vielleicht lassen wir das nicht oft genug raus, aber wir wissen sehr um die Superheit dieser Menschen und danken ihnen aufs ehrlichste.

Wenig spannend: Ich dusche, ziehe mich an, gehe auf Toilette und sitze und stehe. Interessanter: Bis auf die arbeitende Bevölkerung schläft noch alles. Es fühlt sich eher wie der Tag nach dem Festival an. Rasch schreibe ich im Bus den Tourbericht über den gestrigen Tag in Eschwege, hoffe, nicht zuviele Tippfehler gemavht zu haben, dann plagen mich Hunger und Gesellschaftssucht, also wieder zum Backstagebereich, frisches Backwerk und Smalltalk mit Crewleuten von Kontra K und nazürlich meinen werten Herrschaften pflegen. Unser Konzert findet heute um 16 Uhr statt, tatsächlich eröffnen wir die große Bühne wieder, was mich nun doch sorgt, denn imTaubertal waren wir schon eine Weile nicht mehr, und ob uns Sonntags in Sonnenknall noch viele Menschen sehen wollen, bezweifle ich. Gegen Sorgen arbeite ich mit Spazier- und Toilettengängen, letzteres noch sehr häufig, denn meinem Magen geht’s heutre nicht besonders, und der ist schon von Natur aus nervös. Merde, quasi. Leider verlässt uns Soelve auch gegen 13 Uhr, wieder einer weniger, Rüdi ist heute auch leider nicht dabei, gut, dass Urs Bock auf Rumlaufen hat, also häng ich mich an ihn und staune, wie er wieder alle kennt, weil er so umtriebig ist. Natürlich treffe ich nach und nach auch alle anderen Kollegen, aber besonders viel Energie zum Backstageverlassen scheinen auch sie nicht zu haben. So dümpeln wir unsere Zeit ab, bis wir in einem Kraftakt unsere drei Gitarren samt Stehlampe zur Bühne tragen, um zum Soundcheck ready zu sein. Da Swiss heute für die Antilopngang einspringt, ist der Bühnenaufbau etwas chaotisch, weil das für beide Seiten, Band und Technik, überraschend kam, und so verzögert sich unser Soundcheck etwas. Andererseits egal bei cem Ausblick von der ühne ins Tal. Immer wieder wow. Auch ohne Menschen, denn der Platz ist noch völlig leer, erst als Fred ein paar Mitmachsachen ins Mikro freestyled, hört man von ferne leises Klatschen. Na denn. Soundcheck abgehakt, ein Sekt gegen die Nervösität, jetzt erst öffnet das areal seine Pforten für die Leute. Sie plätschern eher, als dass sie strömen, um 15:55 Uhr siehts noch sehr nach einer öffentlichen Probe aus, aber sowas macht ja nur mich fertig, die Restband ist da stets souveräner. Es läuft als Intro ein Taubertalspot über die Leinwände, dann werden wir sehr herzlich angresagt, und um 16 Uhr sitzen wir auf unseen Bänken und die Auflaufform knallt aus den Boxen. Inzwischen ist sogar der Platz überraschend gefüllt, und er füllt sich immer weiter, sogar auf den Hängen sitzen Menschen, heben die Arme und singen mit, was das Zeug hält. Unglaublich, was für treue HörerInnen wir hier haben, textssicher, pogobereit, feierwillig und herzlich, und das nach einer so langen Pause von uns. Das rührt uns, und meine Kollegen legen noch ein Energielevel drauf. Ich hingegen verbocke heute alles. Meine erste Ansage verbumfeie ich derart, dass ich spontan ein Entschuldigungslied erfinden muss, meine Vier-Meter-Wunschapplikation vor Türen geht völlig in die Binsen, weil ich plötzlich an Tonlagendemenz leide, es ist ein Desaster. Hamsterkäue immerhin wird zum spontaqnen Pogoereigniss mit ungeahnten Tempiwechseln, gut für die Laune, aber eher zungünstig fürs Lied. Na ja. Zum Glück nimmt mir das niemand im Taubertal übel, sie lächeln, pogen und klatschen mit, nichbt ganz so dolle wie bei meinen lieben Kollegen, aber dennoch verzeihend und wärmend. Burger, Fred, Pensen und Börnski sind aber auch in Hochform und rocken gehörig, energietisch und das Ganze3 hat wirklich Wumms, zum Abschluss tanzen wir noch euphorisch mit allen Menschen weiter zu Take on me und müssen vor Freude ein Bier trinken. Knaller, Taubertal, nur Liebe für euch, davon aber viel. Obschon man unsere Auftritte eigentlich fast nie als Arbeit bezeichnen kann, bricht jetzt aber die volle Freizeitklatsche an, denn nachdem wir unsere Gitarren wieder im Bus verstait haben, gibt es nichts mehr zu tun, außer den Tag zu genießen. Das macht jeder irgendwie anders, ich freue mich total, dass überraschend Thomas und Micha von Boppin B samt Freundin Simone vorbeischauen, und gemeinsam sonntagen wir bei Bier und Snacks durch den Festivaltag, schauen uns einige Shows an, flanieren ansonsten und gesellen uns immer wieder zu ebenso rummäandenden Monsters, mal im Backstage, mal in freier Wildbahn. Die Sonne scheint freundlich und mir begegnet eigentlich kein nicht sympathischer Mensch auf dem Taubertal, oder zumindest fast keiner. So fliegen die Stunden und füllen das All, während hier die Zeit zum Abschied zusehends knapper wird. Anscheinend sind alle Menschen Biffy Clyro-Fans, darum schunkeln hier nochmals alle selig, und ich kann zumindest sagen, dass sie anscheinend sehr gut sind, in dem, was sie tun. Respekt total, fraglos. Dennoch eise ich mich irgendwann los, setze mich nochmal in den Backstage auf einen Curryreis, treffe dort Börnski samt Kumpel, und gemeinsam spazieren wir nun ein letztes Mal durch das Tal zum Bus, wo nach und nach auch alle anderen eintreffen, und wir alle winkend voller Dank das Building leaven, in der hoffnung, bald wieder mittaubern zu dürfen. Ihr seid alle klasse! Herzemoji und Hofknicks.