Tourtagebuch

Centralstation, Darmstadt

26. Nov. 2022

von The Lost Boy

Müdemüdemüdemüdemüdemüdemüdemüde.

Ich bin nicht ganz ausgeschlafen, scheint mir, als ich mittels Kaltwasserdusche versuche, die Augen aufzubekommen. Das Frühstück habe ich ausfallen lassen, aber auf einen Kaffee hätte ich schon Bock. Ich schlendere zum Foyer und lande inmitten einer Tagungsmeute, die derart fidel rumlärmt, dass ich Angst bekomme, auf die heiße Bohne pfeife und mich lieber rasch aus dem Staub mache. Fred ist bereits abfahrbereit, der Rest der Kollegen trudelt ebenfalls ein und dann brausen wir nach Darmstadt. Weder Stau, noch Rasthofrast zögern unsere Fahrzeit raus, was ich ein bißchen schade finde, weil ich gern in Autos schlummere und auch Lust auf ein Brötchen mit Pommes hätte. Aber ankommen ist auch eine schöne Sache, zumal die Centralstation viel Raum zur sozalen Entfaltung bietet. Zwar lässt sie sich nicht ganz leicht ansteuern, weil sie sich im Darmstadtkern versteckt, aber hat man sich erst einmal durch die Fußgängerzone manövriert, öffnet sie freudig ihre Pforten, um ausgehungerte Monsters zu empfangen und mit deliziösen Käseplatten und buntem Süßkram zu völlen. Jonas ist hier Chief of the day, und er kümmert sich allerliebst um uns, holt Brötchen nach und zaubert dort Dinge, und uns bleibt eigentlich nicht viel zu tun. Die einen schlafen ein bisschen, die anderen flanieren kurz zum benachbarten Weihnachtsmarkt, lauschen einer funkenden Reggaeband, doch ausnahmslos alle verzichten auf Glühwein. Stranger Tag, stranger Bericht. Konfusion macht sich breit, die Redundanz der Vergänglichkeit fordert ihren Tribut. Aber Lifestyle schillert mehr durch Motti wie „Fördern durch Fordern“, darum laufen wir rasch der erschriebenen Bräsigkeit davon, um den Sound zu checken und rumzueumeln. Tatsächlich feiern wir ja heute nicht nur unseren Tourabschluss, sondern auch unser gemeinsames Jahresende. Und tatsächlich haben wir unsere „Glück zählt auch“- Reise genau hier vor einem Jahr begonnen. Und tatsächlich ist das heute unser viertes Konzert diesen Jahres, das wir in Komplettbesetzung spielen. Man muss schon sagen, 2022 hat uns ordentlich durchgeschüttelt, nicht ganz uncrazy, dass wir nun alle hier gemeinsam sitzen und uns gegenseitig hoch professionell backstagemäßig ignorieren, indem wir auf Telefone starren oder ins Essen versenken. Letzteres schmeckt übrigens grandios, der Koch ist ein Genie der freundlichsten Art, dankbar und bauchgebläht sind wir um kurz vor 20 Uhr kaum in der Lage, aufzustehen und zur Bühne zu laufen. Gut, dass wir es dennoch geschafft haben, denn uns erwartet ein beeindruckendes Publikum voller Enthusiastinnen, das sowohl konzentriert, als auch ballermäßig feierwillig ist. Wir spielen heute ein schönes Konzert, allderdings auch ein klein wenig zerfahren, denn wir können aufgrund der Lichtverhältnisse unser Publikum nicht besonders gut erkennen, und das verunsichert stets. Es sind aber auch erstaunlich viele Neulinge da, das fühlt sich wiederum gut an, und aus dieser Mixtur zwischen Unsicherheit und Freude brauen wir einen Konzertcocktail, der durch ausufernde Ansagen, seltsame Interaktionen und brachialem Rockgepose prickelt.

Sicher nicht unser bestes Konzert, aber mit viel Gefühl und special Timing. Zwischendurch steht plötzlich bei „Zwerge“ eine Gestalt vor der Bühne und verwickelt Fred in ein Gespräch, er sagt, er sei Gastmusiker und irgendwie hier gebucht. Wir intervenieren, dass wir aufgrund der eigenen Masse leider keine Gastmusiker benötigen, aber freestylemäßig wird er nun zumindest zum Teil der Show. Bei „Selbstverständlichkeit“ steht plötzlich ein glückliches Paar da, deren Trauungssong besagte Ballade war und die sich sogar Textzeilen daraus auf die Arme tätowiert haben, da brizzelts schon gänsehautmäßig gerührt in unseren Seelen, wenn man mitbekommt, dass und was man Menschen manchmal bedeutet. Gegen zuviel Feeling helfen natürlich eingekölschte Alterstaatstrophen, Ernährtansagen von Helge Schneider-Qualitäten und zahllose Sitzpogo-, Mitsing- und Schwenksequenzen. Bei Türen rudern plötzlich drei Herren, um ihr Training zu optimieren, dehnen wir das Lied extra über Geühr, der Zugabenteil wird auch spontan um ein Lied erweitert, und insgesamt ist es ein Abend voller Freejazz und Sweetness. Zu Take on me ernten wir tatsächlich wieder standing Ovations, und ein letztes Mal tänzeln wir uns von der Bühne.

Jetzt würe ich gerne was von wilden Aftershowmomenten berichten, aber leider hat heute die Vernunft die Oberhand. Wir müssen morgen früh um sechs Uhr wieder auf die Autobahn, um in unsere eigenen Leben zurückzukehren. Party fällt also aus. Ich feiere nur noch ein bißchen mit mir allein, im Hotelzimmer, zu Youtubevideos von Sonic Youth, und blicke einem Tag entgegen, der datumsbedingt Verlust bedeutet. Das ist vielleicht kein cooles Ende für einen Tourbericht, aber eben Realität. Wie gut, dass Konzerte davon ab und an eine kurze Pause bieten. In diesem Sinne: unterstützt die Kunst, denn sie unterstützt euch. Ein Wert, der nicht in Geld messbar ist, weil er Zeit füllt und Sunden vergoldet. Wir danken euch dafür, dass ihr diese Zeit mit uns teilt und zu dem macht, was sie ist: Kostbares Dasein. Wir schätzen euch enorm.