Tourtagebuch

Essigfabrik, Köln

25. Nov. 2022

von Torsten

Ich bin gestern zu HipHop-Diskussionen auf Youtube eingeschlafen, die neuerdings die gleiche baldrianeske Wirkung auf mich haben, wie die Herr der Ringe-Trilogie. Andererseits haben irgendwie alle Bewegtbildproduktionen inzwischen auf mich einschläfernden Charakter. Am liebsten liege ich mit geschlossenen Augen an meine Wärmflasche geklammert und entschlummere zu ihrem nachsichtigen Gluckern. Aufregender Lifestyle, ich weiß. Wahrscheinlich habe ich was von dieser unsäglich peinlichen Fußballkacke geträumt, denn ich bin sehr zornig, als ich um 3:30 Uhr morgens erwache, und muss mir die Wut erstmal aus der Seele joggen. Bei Nebel und Nacht klärt sich erhellend mein Geist, und erstaunlich frisch treffe ich gegen halb zehn Uhr mittags am Monsterslager ein, wo Fred natürlich längst samt Bus bereit steht. Pensen und Labörnski kommen Minuten später ebenfalls an, drum können wir gleich den Bus beladen und abdüsen. Heute spielen wir in Köln, und die Restmonster Rüdi und Burger, sowie Merchmaster Lasse und Mixking Claudio kommen separat von überall aus der Welt, also Rheine, Berlin und Duisburg oder so ähnlich.

Zu deren eisen weiß ich nichts zu erzählen, unsere Busfahrt ist aber auch nicht viel ergiebiger. Frische Mische üben fleißig, Fred fährt und sucht den dazugehörigen Film zu dem Zitat: „Ihr werdet eure Eltern noch sehr lange nicht wiedersehen.“, ein Satz, dem ein Happy End folgen soll, wie Fred versichert, und außer Staus und acht Pinkelpausen passiert eigentlich nichts. Um 16 Uhr erreichen wir die essigfabrik. Wow, beeindruckend groß in beeindruckend 80er Abwrackkulisse, hier hätte der Film „verlierer“ gedreht werden können. Nein, das Zitat stammt nicht aus „Verlierer“. Veranstalter Alex ist schon da und hat uns ein zauberhaftes Buffet aufgebaut, über das wir hungrig herfallen, bevor wir endlich mal das Essigfabrik-Team begrüßen und den Laden weiter wertschätzen. Die Sonne geht unter und taucht alles in Feuer. Ach so, Claudio ist auch längst da. Hossa. Der Rest fehlt indes noch.

Weil mir langweilig ist, lade ich den Bus aus, so langweilig muss einem erstmal werden, aber tatsächlich fehlt mir dermaßen jede Energie für alles, dass es mir leichter fällt, Kartons zum Merch zu heben, als nur rumzusitzen. Wahrscheinlich bin ich mir selbst schlicht zuviel. In der Zwischenzeit rücken aber auch die Restmonsters an, auch Lasse materialisiet sich, dazu gesellen sich noch Gäste, wie zum Beispiel Reiner, Sarah, Patte und Co, und wir wären bestimmt bessere Gastgeber, müssten wir nicht doch plötzlich ganz schön viel klären. Gästeliste, Soundcheck und vor allem Setlist. Tatsächlich gestaltet die sich schwieriger als gedacht, denn auf einmal sind wir wieder komplett, und damit konnte ja keiner rechnen. Wir schieben und streichen, tauschen und tuscheln, und irgendwann haben wir sie fertig, Burger schickt sie per Mail den freundlichen Essigfabrikerinnen, die sie für uns ausdrucken, leider schickt er aber die falsche, weshalb wir dann auf den letzten Drücker doch noch handschriftlich tätig werden müssen.

Ratzfatz ist es 20 uhr, und pünktlichst starten wir in den Abend. Es wird laut, wild, wahnsinnig feierwütig. Köln hat anscheinend unter Monstersentzug gelitten, jedenfalls spüren wir enorm viel Love zur bühne wabern, es wird getanzt, gesungen, gepogt, Stühle werden über Köpfe gehoben, getrunken wird anscheinend ebenfalls eine Menge. Freds Mikro spinnt zu Beginn, ein schnell herangereichtes zweites spinnt auch, aber er löst es elegant und rasant, keine ahnung, wie, doch bald schon tönt er wieder aus den Boxen. O-Ton Claudio: „Fred hat sich in der Situation absolut korrekt verhalten“ so ist es. Meine Klampfe liefert bei den Hamsterkäufen zwischendurch nur Bassgewummer, aber auch das ist nur temporär. Der Abend hält viel Freude bereit, zugegeben, die Balladen leiden etwas unter der Partyatmosphäre, aber heute ist halt eher Rocknacht als Kleinkunst. Wir müssen püntklich um 23 Uhr den letzten Ton gespielt haben, weil dann eine Technoparty im Keller startet, aber bis dahin brettern wir durch das Konzert, quasseln rum, lachen viel, und zum Schluß blicken wir glücklich auf standing Ovations.

Für das Fehlen von vier Meter bitte ich um Verzeihung, beim nächsten Mal spiel ichs, versprochen.

Ein bißchen feiern wir nach dem Konzert weiter, Freunde sind vor Ort, Hanno, Julia, Andrea, und noch viel mehr, ich bitte um Pardon, weil ich nicht alle erwähne. Allzu lang wird die Party auch eh nicht, denn unser Hotel ist in Neuss, was jetzt erstmal suboptimal klingt. Da wir dort aber eine Raucherlounge entdecken, die uns zur freien Verfügung steht, wird die Nacht überaschend lang und laut, wir hören Musik von den Sex pistols bis zu Willie Nelson, auch Rüdis neue Superplatte läuft natürlich, jetzt steht auch noch Wodka da, und irgendwann, gegen halb fünf, bestellen wir noch Pizza. Jedenfalls Claudio, Labörnski und ich, der Rest hat irgendwann vernunftsbedingt die Segel gestrichen. Na ja. Ich weiß ja nicht, schlau geht anders, aber die reise wars wert. Merci Köln, we love you!