Tourtagebuch

Zollhaus, Leer

30. Sep. 2022

von Totte

Der Wecker klingelt um acht Uhr früh, Fred hüpft frisch aus der Koje, aber ich weiß, dass das nur vorgetäuscht und einzig seinem Nikotinschmachter zuzuschreiben ist. Jogging kann man sich vielleichter verkneifen als rauchen, darum bleib ich noch was liegen, verpasse andererseits aber deshalb beim Hotelfrühstück fast alle Monsters. Nur Rüdi kommt noch später als ich, aber mit einem ganzen Bund Bananen. Er verschwindet kurz wieder, schon rauscht die Servicedame herbei und ruft fragend in meine Richtung, wo denn „der Mann mit den Bananen“, dabei steht der längst wieder neben ihr, aber sie akzeptiert Rüdi nicht mehr als Mann mit den Bananen, denn er trägt inzwischen keine Bananen mehr herum, also ruft sie, nein, „der ist ein anderer Mann, ohne Bananen!“, doch letztlich können wir sie doch noch beruhigen und verständndlich machen, dass Bananen nicht Teil von Rüdis Physiognomie darstellen, sondern bloß temporäreres Frachtgut darstellten. Was sie indes vom Mann mit den Bananen wollte, können wir nicht mehr herausfinden.

Über dieses kleine Abenteuer ist es zehn Uhr geworden, und weil wir heute einen längeren Weg zu fahren haqben, marschieren wir alle zum Bus, verabschieden uns von Speicher und Ceven und düsen los gen Leer. Die Strecke zieht sich total, dazwischen Fährverkehr mit Stau bis dorthinaus, „hier sollen Menschen gebrochen werden“, wie Fred die Fahrt kommentiert. Für knapp 200 Kilometer benötigen wir sechs Stunden, um vier Uhr erreichen wir abgekämpft und autobored das Zollhaus, werden von Chef Marco und Tontechniker Tjalf liebevollst empfangen, und sofort ist alles wieder schön. Der Kaffee dampft beruhigend, das Zollhaus ist ein riesiges, altehrwürdiges Haus voller Geschichte, der Veranstaltungsraum scheint ehemals ein Lagerraum gewesen zu sein, knarzende Dielen, ein endloser Schlauch, dabei aber mit alten Fenstern, Giebeln, und wie sonst noch Sachen heißen, die Hausschmuck sind, wunderschön anzuschauen.

Wir haqben heute einen Support, das passiert sehr selten, anscheinend hat sich dass das Zollhaus gewünscht. Das Duo Infernale ist ein Rockduo, das Songs covert von U2 bis Fools Garden, sie werden ab 20 Uhr den Laden einheizen, wir entscheiden darum, ein verlängertes Set am Stück zu spielen und auf eine Pause zu verzichten, da sonst der Abend sehr überlang und zerfasert werden könnte. Die zeit bis dahin verbringen wir bequem mit kleineren Spaziergängen (erster Stock – Erdgeschoss – erster Stock), dem Genuß von Supercatering und Couchfläzereien. Zwischendurch begrüßen wir noch freudig altbekannte Gesichter und Freeunde des Monsterhauses, Julia, Sandrine und Sarah, dann ist's plötzlich 20 Uhr und pünktlich legt das Duo Infernale los. Sie rocken gut 40 inuten durch, dann schneller Umbau und 21 Uhr Monstersshow. Ein interessanter Abend. Wie erklär ich daß Der Club ist super besucht, und zwar mit sehr euphorischen Menschen voller Mitmachlaune, aber auch konzentriert zuhörwillig. Es wird gesungen und getanzt, gelacht und jeder Unsinn nachsichtig mitgetragen, den wir da so von der Bühne runterflöten. Und davon gibt es eine ganze Menge, manchmal fast etwas ungehörig sogar. Wir Monsters sind heute seltsam obskur, erfinden kleine Lieder, wiederholen Songpassagen übungstechnisch über Gebühr, zwingen einander zum Tanze und reden wirres Zeug. Aber es ist sehr unterhaltsam, hoffe ich. Zumindest bekommen wir zum Ende Standing Ovations und sehr viel Bestätigung freudiger Menschen. Das tut gut. Apropos gut: Rüdi war heute sehr gut. Schon wieder. Langsam langweilt diese permanente Qualität. Zum Glück bin ich dafür chaotisch genug, um das Niveau wieder etwas runterzureißen. Börnski ist heute besonders lieb zu Fred, der Publikumspogo sieht dafür beeindruckend wild aus. Ein knalliger Abend zwischen Wahnsinn und Methode.

Nach dem Konzert trennen sich unser aller Wege allerdings recht schnell wieder, während die einen ins Hotel fahren, fahre ich mit Rüdi und Sarah nach Rheine, um meinen Weg für morgen schon mal zu halbieren. In der schmucken WG gibt es noch Vinyl und Rotwein bis 5 Uhr, und so schön das ist, so aua jetzt auch der Kopf, daum schließe ich diesen Bericht nun mit einem etwas krächzigen, aber wärmsten Dankeschön voller Vorfreude auf hoffentlich baldiges Wiedersehen. Leer, das war toll!