Tourtagebuch

Musikbunker, Aachen

05. Mai. 2011

von Rüdi

Aachen

Meine Reise beginnt in Aeschi in der Schweiz. Ich bin ausgeschlafen, nüchtern, klar bei Sinnen und erholt und vielleicht ist gerade deswegen heute alles ein wenig schwieriger als sonst. Wir alle tragen irgendwelche Bilder im Kopf auf Tour mit uns rum, die wir zuhause oder wo auch immer auftanken und von denen wir zehren oder die uns auffressen. Ob es Heimweh, Sorgen, Glücksgefühle, schöne Erinnerungen sind oder auch das Gefühl, daß zuhause grade die Felle wegschwimmen – es ist immer und für jeden anders. Familien, Büros, Freunde, Freundinnen.....alles hat zu warten und hinten anzustehen, wenn wir auf Tour sind. Das ist völlig normal und heute Abend werde ich wieder wissen, wofür es gut ist. Aber heute – das gebe ich zu – wäre ich gerne in der Schweiz geblieben.

Um anders draufzukommen, rufe ich direkt hinter der Grenze im Bandbus an, der sich zu dieser Zeit gerade in Herford befindet. Hilft aber nicht.
Also beschließe ich, ein ausgiebiges Mahl im Speisewagen zu nehmen und frage – schon auf Konflikt gebürstet – was es denn heute alles NICHT gibt. Antwort: Heute gibt es alles nicht. Kühlungsausfall.
Liebe Bahn, vielen Dank!! Ich weiß nicht, wie du es immer wieder schaffst! Aber wenn man sich ärgern will, dann bist du immer zur Stelle!!! Ab sofort bin ich wieder auf Tour! Wann endlich ist Aachen??!! Juhu, wir kommen!

Pensen war mit „das Pack“ schon mal im „Musikbunker“ in Aachen und ich als Vorprogramm von „Götz Widmann“, aber für die Monsters ist das absolutes Neuland. Wir kennen diese Stadt hauptsächlich aus dem Gästebuch, weil irgendjemand öfters geschrieben hat: „Kommt doch auch mal nach Aachen!“ Nun, hier sind wir, und gespannt wie viele Leute heute Abend in diesem letzten Winkel der Republik bei uns aufschlagen werden.

Ich erreiche den „Musikbunker“ um 16.15 Uhr mit dem Taxi, nachdem mir am Aachener Bahnhof von drei sehr hilfsbereiten Menschen drei verschiedene Busverbindungen in drei verschiedene Richtungen erklärt wurden. Aber der Taxifahrer ist ortskundig und offenbar gibt es in Aachen zwei „Musikbunker“.
Im Backstage treffe ich die Monsters – außer Börnski, der heute noch arbeiten musste, aber mittlerweile schon längst im Zug sitzt und wohl rechtzeitig zum Konzert kommen wird, wenn nicht die Bahn......
Ich mache mich über die Brötchen her und schließe Freundschaft mit einer kleinen Maus, die ziemlich lässig und selbstverständlich sich das Catering mit uns teilt und anschließend die ergatterten Happen in einem Ofenrohr bunkert. Die Zeit vergeht, indem wir uns die letzten vier Tage erzählen, Sound checken, die Crew vom Bunker kennen lernen, Radio-Interviews geben. Dann kommt warmes Essen, dann kommt Liedermaching-Legende Normann Schuh mit dem Fahrrad und bringt Börnski auf dem Gepäckträger. Und als wir uns dann plötzlich zum Konzert einmonstern, hat noch niemand von uns vorher in den Saal geatmet. Wir drängeln uns zur „Flipper“-Musik durchs Publikum und als wir auf der Bühne angelangt sind, hat irgendeiner einen Schalter umgelegt und das Konzert beginnt, als wären wir von einer Tarantel gestochen. Selbst ich, der ich ja bekanntlich nicht gerne auf der Bühne spreche, fange an, Geschichten zu erzählen, aber das ist nichts gegen Börnski, der plötzlich abgeht, wie ein Starkstromkreisel. Es ist ein bisschen wie zu unseren Anfangstagen, wir wirken, als dürften wir endlich mal irgendwo spielen und müssten jetzt oder nie die Sau raus lassen. Es macht richtig viel Spaß und das Aachener Publikum lockert unsere Schrauben von Lied zu Lied.
Nach der Pause geht es zuerst genau so weiter bis.......ja, bis zum Balladenteil.
Da ist heute nichts zu machen - keine Chance. Die leisen Lieder werden von einer Handvoll Leute schlichtweg niedergebrüllt.
Liebe Zwischengröhler: Wir spielen diese Balladen, weil wir keine Jukebox und schon gar keine Juxbox sind. Es hilft kein „Scheisse!“ oder „Hartz 4“-Schreien, solange wir das Gros der Zuhörer mit unseren leisen Tönen für ein paar Minuten in den Bann ziehen können. Dieser Teil ist sehr schwierig zu spielen und wenn wir ihn geschafft haben, platzt hinterher regelmäßig der Knoten und wir pogen mit euch für den Rest des Abends in den siebten Himmel. Aber um dieses Gefühl haben ein paar Feaks uns und euch heute gebracht. Schade!
Natürlich kommen unsere Lieder heute alle trotzdem, aber wir sind für eine Weile nicht mehr in der Lage, unser Herzblut zu vergießen – sorry, wir sind eine emotionale Band. Und wenn wir unseren Totte bei „Sususu“ euren fürsorglichen Händen anvertrauen, möchten wir auch nicht, daß ihr mit ihm umgeht, wie mit einem Spielball, so daß er beinahe ins Sitzpublikum stürzt und erst recht nicht, daß er mit Bier beschüttet wird!
Das betrifft allerdings nur einen kleinen Teil der heute Anwesenden, das gebe ich zu, aber so was ärgert uns, das geben wir auch zu.
Also schwenken wir noch mal um auf die vielen vielen rührenden Personen, die uns natürlich auch auffallen. Auf die gut gelaunten, mitsingenden, mitfeiernden und aufmerksamen Gesichter, in die wir auch heute wieder blicken dürfen und nehmen langsam wieder Fahrt auf.
Ja, es wird dann doch wieder ein schönes und ausgelassenes Konzert, aber die extatische Freude der ersten Halbzeit erreichen wir leider nicht mehr.

Neben den vielen Aachenern, die uns heute unterstützt haben, gilt unser Dank der netten Crew vom „Musikbunker“, Alex von „Bier und Musik“ und Jenny, die unser Licht gemacht hat.

Keine Bange, wir kommen wieder, wenn ihr es wollt!

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