Tourtagebuch

Forum, Bielefeld

06. Mai. 2011

von Rüdi

Aufstehen, Radiotermin, Fahrt nach Bielefeld, Besprechung mit der Agentur, Radiotermin, Soundcheck – klingt sexy, oder?
Ist aber alles halb so schlimm, denn die Räder unserer Tourmaschine greifen ineinander, der Sand ist raus gespült und wenn es hier und da mal quietscht, kommt sofort einer mit dem Ölkännchen. Wir sind besser geworden in den letzten Wochen, was diese Dinge angeht. Es kommt immer mehr auf uns zu aber wir lernen, damit umzugehen. Ich halte einen Radiotermin morgens um halb 11 auf den ersten Blick zwar für schlicht unprofessionell, wenn man von einer Band auf Tour halbwegs ausgeschlafene Antworten haben will, aber wir tun alles, was irgendwie und irgendwann Sinn machen könnte und außerdem habe ich hier gar nichts zu jammern, denn während Totte, Börnski, Pensen und Burger ihren Esprit über den Äther verbreiten, bin ich mit Timmey auf Himbeereissuche.
Dafür nutze ich die Fahrt nach Bielefeld für meinen Tourbericht, wir hören selbstverliebt „Nur die anderen können es besser“ (eine limitierte Vinylspezialveröffentlichung unserer vorvorvorvorletzten Tour) und lassen uns von uns selbst amüsieren.
In Bielefeld finden wir den Club nicht, obwohl wir direkt davor stehen. Doch dann kommt jemand, schließt uns auf und wir betreten das „Forum“, einen richtig großzügig ausgestatteten Rockclub, bevölkert von einer tollen und professionellen Crew. Klasse, wenn auch bei den Gastgebern die Räder ineinander greifen. Dann stehen da Brötchen und kalte Getränke, dann schraubt da jemand an der Bühnenbeleuchtung rum, es stehen sechs Stühle auf der Bühne, Techniker rufen sich für Liedermacher unverständliche Begriffe zu, das Mischpult ist abgedeckt und wenn man Glück hat, stehen sogar in ausreichender Zahl bequeme Sofas im Backstage – so wie hier. Ein idealer Ort für unser Meeting mit Achim, unserem Booker, mit dem wir die Tour besprechen und unsere wundervolle Zukunft in trockene Tücher wickeln wollen.

Unsere Gehirne verlassen den Stand-by Modus und die Zeitreise beginnt.

Derweil füllt sich unten der Saal, die Einlassmusik läuft schon und wir lesen begeistert und gerührt die Gästebucheinträge über den gestrigen Abend. Vielen Dank, ihr lieben Leute, das baut auf und macht Mut!
Aber heute ist ein neuer Tag und wir werden sehen, was in Bielefeld passiert!

Das Konzert:

Anders als gestern, beginnen wir heute sehr diszipliniert und fast schon vorsichtig. Direkt vor meiner Nase ist leider die Bestuhlung zu Ende und mir steht ein Pulk junger Leute gegenüber. Ich gehe auf Schnupperkurs und merke schnell: es sind sehr liebe Menschen! Es ist schön, sie bei mir zu haben, obwohl wir mit stehenden Fans in der ersten Reihe auch schon öfters mal die Erfahrung machen, daß wir um unsere Getränke, unsere Ohren und unsere Konzentration fürchten müssen. Aber nicht bei diesem Block! Der steht heute da, um die Band zu unterstützen und jeder Augenkontakt mit ihm erwärmt einem das Herz.
Aber auch die anderen Monsters haben nicht weniger Glück. Wie auch: Im ganzen Saal – so stellt sich bald heraus – gibt es nicht einen einzigen quer schießenden Menschen. Es ist schier unglaublich! Wir erleben so etwas immer mal wieder, aber merkwürdigerweise oft dann, wenn wir es brauchen. Heute brauchen wir es, aber uns ist schon in der Pause klar, daß wir in dem in letzter Zeit häufig thematisierten Balladenteil heute bestimmt keine Probleme bekommen. Was dann allerdings tatsächlich passiert, übertrifft selbst unsere kühnsten Vorstellungen. Wir danken es mit hochemotionalen Versionen und - als hätten alle das Gästebuch oder den Tourbericht gelesen – erhebt sich nach der dritten Ballade das Publikum zu einer stehenden Ovation, daß es mir jetzt noch beim Schreiben die Tränen in die Augen treibt. Das war wundervoll von euch, ihr müsst das nicht immer tun, aber zu diesem Zeitpunkt saugen wir euren Respekt auf, daß wir uns dabei vor Rührung verschlucken. Danke, Bielefeld!
Danach dürfen ruhig alle Dämme brechen! Wir verarschen einen Fotografen, der uns über das ganze Konzert mit seinem Blitzgewitter nervt, wir tauschen Plätze und Instrumente, wir sind Vampire, Kackwurst-Helden, Mücken, Zwerge – was auch immer, wir fühlen uns wohl dabei, denn es ist phantastisch vor so einem Publikum irgend etwas sein zu dürfen. Das Serengeti-erfahrene Publikum wiederum imitiert Schwingtüren, Heißluftballons, Gangsterrapper oder singt auch mal ein komplettes Lied durch.
So kann´s gehen, wenn alle es wollen!

Danke für diesen vorzüglichen Abend, den Burger nicht zu Unrecht zum Top 10-Konzert erklärt hat. Danke an das Bielefelder Publikum, die Crew vom „Forum“, die Veranstalter, Chris für das stets passende Licht, Ralf und alle, deren Namen ich in dem ganzen Trubel vergessen habe. Danke auch fürs Zimmer umbuchen!

Ihr wart alle, alle, alle toll!

Galerie