Tourtagebuch

Lagerhaus, Bremen

14. Mai. 2011

von

Ich erwache in Panik, weil ich keine Ahnung habe, wie spät es ist. Mein Fernseher hat weder Phönix noch n-tv, also muß ich mein Handy aktivieren, um an die Uhrzeit heranzukommen. Puuuh – erst 9.30 Uhr! Also könnte ich ja noch zwei Stündchen......
Als ich gerade mal für noch ein allerhöchstens klitzekleines Viertelstündchen weggenickt bin, klingelt mein Handy. „Hier ist Timmey, wir wollten doch um 12 Uhr los und stehen alle am Bus....“
Ein klassischer Zeitsprung. Dummerweise sind meine Schuhe in irgendeinem anderen Zimmer. Organisationsoverkill in den frühen Morgenstunden. Jetzt bloß nicht wieder mein Ladekabel hier liegen lassen! Und die Tasche von Fred nicht vergessen, die ich für ihn in den Bus laden soll, weil er schon wieder mit dem Motorrad auf gelben Straßen Richtung Bremen unterwegs ist. Und Simon und Jan wecken. Die stehen zwar schon senkrecht, sind aber noch damit beschäftigt, sich den Schlaf aus den Augen zu wischen und einen Taschenpackplan zu erstellen.
„Ähh, Rüdi, wie pünktlich sind die Monsters denn so?“

100 Kilometer hinter Nordhorn finde ich den Hotelschlüssel in meiner Jacke...

Und dabei wäre ich beinahe soo gut gewesen! Tourleiter Timmey nimmt sich der Sache und des Problems an, ach, wenn wir den nicht hätten auf dieser Tour!
Ab morgen sind wir wieder für uns selbst verantwortlich. Heute ist unser letztes Club-Konzert für eine lange Zeit und unser Booker Achim hat sich für dieses besondere Ereignis das schöne Bremen ausgesucht.

Angekommen im „Lagerhaus“ werden wir schon auf der Straße von Karin begrüßt, die sich heute für uns verantwortlich fühlt und einen angenehmen nordischen Slang spricht. Und in dieser wunderschönen Sprache sagt sie dauernd so Sachen wie: „Braucht ihr noch irgend was?“ oder „Die Getränke stehen auf der Bühne“ oder „Unten im Cafe gibt es jetzt Essen.“ Auf dem Tisch im Backstage steht ein Korb mit frischen Erdbeeren, Nüsse, Süßigkeiten, Brötchen.....
Wir verfolgen den spannenden Abstiegskampf im Internet, obwohl unten im Cafe die Bundesliga übertragen wird, aber dort wird heute nur das Bremen-Spiel gezeigt, ein vollkommen unerhebliches Spiel, aber für die Bremer aus irgendwelchen Gründen erheblich genug.
Dazu Soundcheck, Erdbeeren, Telefonieren, Erdbeeren, Tourbericht, Erdbeeren......

Die ersten Drinks werden gezischt und um 20 vor 20 Uhr kann ich schon gut gelaunt und voller Vorfreude unser Vorprogramm „Simon und Jan“ ankündigen. Ich bin in solchen Momenten normalerweise total nervös – weiß der Geier, warum – aber heute ist Party und alles geht ein bißchen lockerer von der Hand. Das liegt auch daran, daß das Bremer Publikum unsere Gäste sehr herzlich begrüßt, viele von ihnen kennen die beiden ja schon von vor zwei Jahren, als sie das allererste Mal unser Vorprogramm waren.
Jedenfalls ist es gut, schon mal ein wenig Bühnenluft vorzuschnuppern, denn als ich abtrete, habe ich schon so ein verdammt gutes Gefühl, was unseren heutigen Abend betrifft.

Außerdem lief gestern nicht alles unbedingt optimal und wir haben in unserer gesamten Bandgeschichte eigentlich noch nie zweimal hintereinander eine schwache Vorstellung abgeliefert. Aber zugegeben, das ist eine Statistik wie aus der Sportschau und auch dieses Konzert muss erst mal gespielt werden.

Wann ist es endlich so weit?

Gleich, denn „Simon und Jan“ spielen schon den „Buddhist“, ihr letztes Lied, aber natürlich werden sie noch eine Zugabe geben müssen. Bremen weiß halt, was gut ist.

Und dann sind wir dran. Das letzte mal bis zum Winter spielen wir unser volles Programm und zum 26ten mal in Folge soll dieser kleine Bericht beschreiben, was so alles passiert in diesen rund dreieinhalb Stunden. Man mag sich die Frage stellen: „Ist es denn nicht immer im Grunde das gleiche und wird das nicht mal langweilig?“ Antwort: Nein!
Es sind immer die gleichen Lieder in der immer gleichen Reihenfolge, aber zum Glück ist es nicht wie bei einem Theaterstück, bei dem man an den Text gefesselt ist. Wir sind wirklich mal besser und mal weniger gut. Das kann die Anlage sein, die uns kickt, ein Mädchen in der ersten Reihe, ein gut gelaunter Sitznachbar auf der Bühne, ein Zwischenruf, ein Tablett voller Gläser, ein Bandgespräch am Nachmittag oder ein Lichteffekt – man weiß es nie und irgendwas ist immer.
Manchmal sitze ich eine ganz lange Weile auf meinem Stuhl und starre einen Kabelknoten auf dem Boden an oder mein blinkendes Stimmgerät.......Lied für Lied........bis mich etwas aus dieser Lethargie weckt. In solchen Momenten habe ich nicht etwa Langeweile. Nein, in diesen Momenten höre ich Musik, da tauch ich in unser Programm ein und höre gutes Zeug. Wie ein Fan. Obwohl ich es von gestern schon alles kenne und vorgestern und morgen ja auch wieder. Kein Film kann das für mich und kein youtube-Video. Es sieht nur doof aus, darum hör ich irgendwann auf damit.
Und jetzt sitzen wir gekickt auf der Bühne, irgendwas ist los, wir fühlen uns sauwohl, aber es ist nicht genau zu orten, warum. Da ich diesen Bericht aber schreiben muss, frage ich in der Pause: „Sag mal Burger, was ist denn heute besonders gut?“

„Alles“

„Sag mal Fred.....“

„Alles“

Das hilft mir nun leider auch nicht weiter, aber es zeigt euch die Stimmung, in der dieses wunderschöne Konzert stattfindet.
Ich kriege auch im 26ten Anlauf die „musikalischen Liebesgrüße“ nicht über die Lippen, da sind Luftballons, aufgehende Sonnen und Schilder, die bei „Au ja“ geschwenkt werden. Da sind Wunderkerzen, Arme, all die lächelnden Gesichter – es ist leise im Balladenteil, es geht ab bei den Pogo-Sachen und und und! Aber das ist nicht, was Burger meinte, alles er „alles“ sagte.

Wir sind eine glückliche Band!!

Wir haben unsere längste Clubtour gewuppt und das gar nicht mal schlecht. Wir sind als Band gefestigt und vertragen uns nach all dem Stress besser als vorher. Kein Wohncontainer könnte uns was anhaben. Wir werden zudem unterstützt von großartigen Helfern, unsere Fans stehen uns beiseite und unsere Veranstalter verwöhnen uns mittlerweile mit beispielsweise Erdbeeren. Wir haben allen Grund zu feiern und wir haben es in Bremen mit Leuten zu tun, die das offenbar zu teilen wissen. Es ist nicht nur ein wunderschönes Konzert, es ist auch ein toller Rahmen und eine äußerst angenehme Partygesellschaft. Hier und heute geht alles.

Achim, das hast du gut gemacht.

Danke Bremen, danke Karin, danke Monsters.

Gerade klingelts an der Tür. Das ist doch bestimmt wieder diese Welt, die seit gestern regelmäßig vorbeischaut, um sich umarmen zu lassen.

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