Tourtagebuch

Pulp, Duisburg

03. Apr. 2011

von Rüdi

Als Tourleiter braucht man eine Menge wichtiger Eigenschaften. Man muss durchsetzungsfähig sein, aber auch verständnisvoll, man muss wissen, wie die Herren Musiker ticken, am besten ist man selber einer und man muss sehr gut organisieren können. Wenn alle durcheinander wuseln, muss der Tourleiter den Überblick behalten und vor allem muss er solange er wach ist sich für Fragen jedweder Art zuständig fühlen. Darum muss er auch nett sein und kompetent.....

Hmmmmm..........

Timmey!

Seit zwei Tagen ist Timmey offiziell Tourleiter der Monsters und muss Fragen beantworten wie „Wo ist?“, „Hast Du?“, „Wann müssen?“ oder „Hab ich gestern?“

Timmey macht auch das alles super!

Die kurze Fahrt nach Duisburg verläuft reibungslos. Wir fahren durch Schmuddelwetter und wenn uns langweilig ist singen wir „Happy birthday“, um Fred zu ärgern. Wir beziehen unsere Zimmer im „Hotel Lonac“und hauen uns ein Weilchen aufs Ohr oder gehen irgendwo eine Kleinigkeit essen. Um 16.30 sitzen wir wieder im Bus und fahren in den Club.

Schon von weitem sehen wir das „Pulp“. Ich singe automatisch den Soundtrack von „The Munsters“ vor mich hin, denn ich fühle mich an das merkwürdige spinnenwebenverhangene Haus erinnert, in dem diese sympathische Familie lebt. Die Tür öffnet uns Carsten, ein erstaunlich normal aussehender junger Mann ohne lang gewachsene Schneidezähne oder sonst irgend was verdächtigem. Nicht mal die Tür quietscht. Aber drinnen bestätigen sich meine Befürchtungen auf imposante Art und Weise: Wir sind in einem Spukschloß! Normalerweise werfen wir einen Blick in den Club und finden ihn schön oder hässlich oder gemütlich oder groß oder sonst irgendwas, aber hier geistern wir umher und trauen unseren Augen nicht. Es ist einfach gigantisch. Überall lauern Riesen und Spinnen, die nachts an überdimensionierten Tafeln speisen. Die verwinkelten Räume sind von hunderten Kerzen erleuchtet, furchteinflößende Skulpturen bewachen die Burg und bestimmt reicht nur ein kleiner Schnippser von Drago, dem Hausherren, um die Ritterrüstungen mit Leben zu erfüllen, die dann die Zechpreller vom Haus zu jagen. Übrigens: Das mit „Drago“ ist wirklich kein Witz, der Hausherr heißt tatsächlich so, das ist weder ein Spitz- noch ein Künstlername, der Mann ist wohl ein lebendes Gesamtkunstwerk und hat sich in den letzten 10 Jahren hier ein Denkmal gesetzt. Wirklich an jeder Ecke gibt es etwas zu bestaunen und alles, aber auch wirklich alles ist von dem Mann selbst entworfen und gebaut worden. Sehr beeindruckend!
Wir lernen die Crew kennen, Michel, der für die scary Lightshow verantwortlich ist, das ausgesprochen nette Barpersonal und Jörg, der uns behandelt, als wären wir längst alte Freunde und der sich fürsorglich um uns kümmert und uns das ganze Schloss zeigt. Irgendwo in den grottigen Steinwänden muss „Femme Pia“ hängen und auf Totte warten – da bin ich mir sicher.
Es ist wirklich ein besonderer Ort.
Das Konzert findet in einem großen Saal statt mit natürlich gotischen Fenstern und einer Bühne, die 2 Meter hoch ist – hier ist einfach alles ein wenig anders als sonst wo.
Auch die Großzügigkeit. Alles!

Soundcheck: sensationeller Sound – war klar.

Konzert

Es sind viele Menschen gekommen, sehr viel mehr als man an einem Sonntagabend erwarten darf und wir hören sie Monsterschöre singen. Auch das wirkt in einem solchen Raum schon ein wenig scary, aber wir gehen davon aus, daß es ganz normale Lebendige sind. Ganz sicher bin ich mir zwar nicht, weil ich nie auf der öffentlichen Toilette war, um beispielsweise die Spiegelbilder zu überprüfen, aber die ein oder andere Gestalt haben wir bereits gestern gesehen oder kennen sie schon länger.
Es ist ein für uns ungewohntes Gefühl von zwei Metern Höhe auf das Publikum herabzublicken, normalerweise sind wir ja gerne etwas näher dran, aber die zwei Stufen davor bieten Platz und Gelegenheit für allerlei Schabernack und wir hopsen ständig herunter und machen irgendwas. Dafür geht es auf der Bühne heute ziemlich diszipliniert zu, wenn man bedenkt, was dort alles an Alkohol herumsteht. Im Laufe der letzten Tage haben wir offenbar genug Selbstbewusstsein entwickelt, um nicht mehr zu überdrehen und der musikalischen Qualität kommt das zugute. Allerdings braucht man auch auf der anderen Seite das entsprechende Publikum und das haben wir heute wahrlich. Ich möchte in dem Zusammenhang den Balladenteil erwähnen, bei dem es so mucksmäuschenstill ist, daß wir uns dabei so wohl fühlen wie lange nicht mehr. Es ist einfach toll. 380 Romantiker im Saal!
Aber auch die Partytracks machen Laune, der Bühnensound ist fett, das Licht ist abwechslungsreich – wir genießen es einfach, heute hier sein zu dürfen mit all diesen wundervollen Leuten um uns herum. Bei „Femme Pia“ wäre ich kurz gerne selber im Publikum, um mir mal anzusehen, wie das Lied in dieser Atmosphäre wirkt. Aber sicherlich kommt sie gleich um die Ecke geflogen und schnappt sich ihren Totte. Die Saloontür ist heute mal eine Zugbrücke und geht ausnahmsweise zu, weswegen 380 Stinkefinger auf uns gerichtet sind – aber es ist ja alles immer nur Spaß und alle machen mit.
Viele Lieder von der neuen Platte werden bei den ersten Tönen erkannt und bejubelt und mitgesungen und selbst die Veranstalter feiern mit. Das ist nämlich auch ein Aspekt, liebe Leute, der erwähnenswert ist: Ihr habt mit eurer tollen Laune dafür gesorgt, daß wir wiederkommen dürfen!

Apropos tolle Laune:
Da kommen wir doch am besten wieder zu Timmey, der an seinem Merchstand offenbar großartige Zeiten hatte und mir nach dem Konzert stolz seinen leeren Trinkbecherturm zeigt. Er strahlt über das ganze Gesicht, dazu läuft über die Clubanlage „UKB“, was „Unsere kleine Band“ heißt und – wie der fleissige Tourberichtleser ja weiß – seine und Tottes neu gegründete Band ist. Der Mann ist die Glückseligkeit in Person, dazu trägt er ein Kindergeburtstagspartyhütchen, das allerdings ständig durch sein wonniges Gesicht wandert und niemand wird es heute schaffen, diesen Mann nicht lieb zu haben.

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