Tourtagebuch

E-Werk *ausverkauft*, Eschwege

30. Apr. 2011

von Rüdi

„Wie klein der Baumkreis doch in Wirklichkeit ist“, denke ich mir, als wir den heiligen Boden betreten und ich auf das Open-Flair Gelände rüberblicke. Ich erzähle hier nichts Neues, wenn ich unsere besondere Liebe zum Flair erwähne, hier haben viele von uns zum ersten Mal auf einem großen Festival gespielt, ich werde niemals den Countdown von Markus Stolle vergessen, wenn er kurz vor unserem Auftritt über sein Funkgerät mit irgendeiner unsichtbaren Instanz kommunizierte und dann „Noch eine Minute!“ sagte. Mann, war das beeindruckend! Zum ersten Mal die „Monsters“-Chöre zu hören oder das Nachbeben bei „Haste mal!“ Und vor uns spielte „Fury in the Slaughterhouse“. Wow! Die hab ich auf Platte!
Wir haben seit dem viel erlebt, das geb ich zu, aber für mich wird Markus mit seinem „Noch eine Minute!“ immer der coolste Oberchecker des Universums bleiben.

Da sitzt er ja!!

Ganz entspannt auf der Mauer vor dem „E-Werk“ und freut sich auf uns. Und mit ihm zusammen das „E-Werk“-Team. Hier sind wir willkommen und es ist genau so, wie Fred sagt: Es ist wie nach Hause kommen.
Mutti hat lecker gekocht für uns, unsere Lieblingsgetränke stehen gekühlt bereit und heute Abend schauen unsere Freunde vorbei – es ist so schön!

Wir verbringen den Nachmittag mit den üblichen Dingen, die man vor einem Konzert so macht. Tourbericht schreiben, Soundcheck, Bilder hochladen, Fußball gucken, Fußball spielen, telefonieren, Photoshooting und irgendwann kommt Markus vorbei und sagt: „Noch fünf Minuten!“ – aaahhhhh, Markus!!

Wir monstern uns ein, daß uns schier die Trommelfelle platzen, die Flippermusik springt an – 5, 4, 3, 2, 1.....
„Meine Ohrstöpsel!!!“ höre ich Pensen. „Meine Ohrstöpsel sind weg!!“
Und während der eine Teile der Band mit lautem Täterä die Bühne betritt, robbt der andere Teil der Band hinterm Vorhang rum und sucht im Dunkel nach Pensens Ohrstöpseln, die erstens sauteuer sind, zweitens beim Drauftreten kaputt gehen und drittens durch die Gewöhnung in den letzten Jahren auch wichtig geworden sind, weil sich die Ohren bei der Lautstärke sonst wahrscheinlich nach innen stülpen würden. Ein umgekehrtes Problem hat derweil Burger, der sein In-Ear-System – also auch Ohrstöpsel – heute nicht zur Verfügung hat, weil wir sie in Magdeburg vergessen haben. Seine Ohrstöpsel sind wiederum dazu da, alles was an Lautstärke zur Verfügung steht zu konzentrieren und durch die Gehörwindungen zu jagen, weil er sonst zu wenig hört.
Und bei mir ist wieder einmal das Stimmgerät kaputt und deshalb muss ich erst mal mit meiner Gitarre und diversen Kabeln rumhantieren, weil ich zwar erst als fünfter dran bin, aber viel zu viel Angst habe, das nachher zu vergessen....
Alles in allem: Es sieht total bescheuert aus, wie wir da unser Konzert eröffnen. Vor der Pause kriegen wir den Bogen auch nicht mehr richtig durchgespannt, wir singen unsere Lieder voller Spielfreude, aber beispielsweise bei unseren Ansagen wirken wir, als wüssten wir gar nicht so genau, ob es diese Lieder auch wirklich gibt. Irgendwie merkwürdig......
Vielleicht ist es ja so, weil man auch bei einem Date mit seiner frischen Liebe erst mal entweder nur dummes Zeug redet oder den Frosch im Hals hat und kein Wort herausbringt.
Manchmal hilft es da, wenn man dem Gehirn die Zweifel nimmt, indem man es etwas dümmer macht und so beheben wir das Problem in der Pause mit ein paar Schnäpsen und anschließend läuft die Sache auch prompt deutlich runder.
Aber liebe Frischverliebte: Das ist kein guter Tip für euer nächstes Date!!
Eher vielleicht so: Ihr wisst nicht, wie es wird, aber ihr probiert es einfach aus und es wird schon schön werden. Wie heute zum Beispiel bei der „Weltklassemelodie“, bei der die Band den gestrigen Rekord doch noch mal zu toppen weiß, indem Pensen eine Brille trägt, durch die man nichts sieht und sich das Glockenspiel von Totte und Burger in die jeweilige Position schieben lässt. Ich habe von alledem keine Ahnung, bin vollkommen überrascht von dieser Idee und noch mehr davon, daß es tatsächlich klappt!! Unfassbar! Aus irgendeinem Grund trägt dann Totte diese Brille auch bei „Kleiner Zeh“ und muss bestimmt die ganze Zeit höllisch aufpassen, mit seinem Gebiss nicht ans Mikro zu stoßen, aber auch das klappt.
Also, liebe Frischverliebte: Im Blindflug wohlgemut heran an die Geilheit!


Liebe Leser, weil wir jetzt gleich unser Katerkonzert spielen, es ist schon Soundcheck, möchte ich diesen Bericht heute Abend fortsetzen. Ich melde mich dann später mit dem Rest. Nur so viel vorweg – es war großartig mit euch!!






So, wo waren wir stehen geblieben...ach, ja. Also es ist jetzt schon 1. Mai, 22.22 Uhr, ich bin auf der Rückreise vom Katerkonzert von Hamburg nach Berlin, bin jetzt ziemlich durchgerockt und möchte mit meinem Bericht fortfahren:

Nach der Pause war alles gut. Also nicht nur ihr, liebe Eschweger, sondern jetzt auch wir. Da war er doch, der Bühnenzauber. Das gegenseitige Anstrahlen auf der Bühne, das wir brauchen und das wir nicht aus dem Hut zaubern wollen sondern aus unseren Herzen. Da war die Synergie mit diesem speziellen Publikum, an dem unser Herz hängt, wie in kaum einer anderen Stadt. Da waren die Momente, auf die sich Liebende sich freuen. Bekloppt, freakig, romantisch, verworren, schön, traurig oder lustig – aber immer ehrlich und zu keiner Sekunde egal. Wir können dann nicht anders, als die Welt umarmen zu wollen, wir wollen das so erleben, wie wir es gestern erlebt haben. Was wir so toll fanden, war, daß da die verschiedensten Typen neben- und miteinander feierten. Punks neben Bürgertum, Disko neben Jazz, Metall neben weiß ich auch nicht und vielleicht ist sogar das besonders schöne daran, daß es nur uns auffiel, weil es einfach überhaupt keine Rolle für euch spielte. Wir haben in solchen Momenten das Gefühl, wir spielen vor der perfekten Gesellschaft. Wenn das Leben doch nur außerhalb der Hallen genau so weiterging! Bitte immer und immer und immer wieder mit euch, liebe Eschweger, Flairisten, E-Werker und Zugereiste. Immer und immer wieder, wenn es nach uns geht. Wir freuen uns auf das Open Flair, weil wir jetzt schon wissen, wie schön es wieder mit euch werden wird.


Nach dem Konzert fuhren wir ins Hotel und weil wir am nächsten Tag um 15 Uhr in Hamburg ein Katerkonzert hatten, zog der größte Teil der Band anschließend noch weiter durch die Stadt, um sich aus professionellen Gründen einen Kater zu verschaffen und so viel kann ich sagen, ich, der ich im Hotel geblieben bin: Alle haben es geschafft!!!!

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