Tourtagebuch

Circus Maximus, Koblenz

05. Apr. 2011

von Rüdi

Mein Handy macht immer noch fiese Töne, aber jetzt erinnern sie mich daran, daß ich gestern mein Ladekabel backstage vergessen habe. Meine ersten Gedanken sind: „Scheiße!“,“Warum immer ich!?“,“Wo soll ich denn jetzt so ein veraltestes Kabel herkriegen?“ und „Nie wieder werde ich telefonieren können!“ und dann wieder „Scheiße!“
Aber dann fällt mir schon eine Idee ein:

„Super-Timmey“

Ein neuer Fall für Super-Timmey

„Ich kümmer mich drum!“ beruhigt er mich durchs Telefon, dann legt er auf, streift sich seinen Tourleiteranzug an, öffnet das Fenster, nimmt Anlauf und fliegt los. Timmey eben....

Ganz so ausgeschlafen, wie Timmey, bin ich heute echt nicht. Ecki und ich haben heute Nacht versucht, nach Köln zu trampen. Unser Einsatz war ein kalter aber sehr leckerer Nudelteller, wir haben Schilder gemalt: „Bieten lecker Essen“ und „Wollen nach Sülz“, wir haben unsere freundlichsten Gesichter aufgesetzt und sind auf der richtigen Straßenseite gelaufen. Was braucht man noch? Ach ja, Autos!

Also, Autos sind keine gekommen.

Irgendwann gegen vier Uhr oder später erklärten wir das Projekt für grandios gescheitert und den aktuellen Standort zum gesteckten Mindestziel. Danach durften wir Taxi fahren.

Derweil waren aber auch die anderen Monsters ziemlich umtriebig. Und so kommen wir wirklich aus den verschiedensten Winkeln gekrochen und jetzt ist 13.30 Uhr und wir treffen uns alle an der „Kantine“, Ladekabel auch wieder da, also auf geht’s.

Das „Circus Maximus“ in Koblenz ist mal wieder ein relativ kleiner Club. Rund 150 Leute werden heute kommen. Oft passieren gerade bei den intimeren Konzerten ja die besonderen Anekdoten, wir freuen uns auf den Abend, heute sind wir mal wieder ganz dicht dran am Geschehen. Nicht mal meine Monitorbox passt noch auf die Bühne.

Im Backstage liegen Brötchen, apropos Backstage......

Irgendwas muss in diesem Laden falsch zusammengeklempnert worden sein. Ich weiß zwar nicht, was auf dem Dach passiert, der Dunstabzug der Küche führt auf jeden Fall in den Backstage. Luftfettigkeit 50 %. Wir versuchen alles, um mit Rauchwerk dagegen anzustinken, aber nach einer halben Stunde in diesem Raum riechen wir, wie durch die Friteuse gezogen.

Pünktlich um 20 Uhr stehen wir sechs Monsterlein inmitten eines wohl duftenden und herausgeputzten Publikums wie sechs mal Riesenpommes von gestern. Peinlich berührt schleichen wir uns an der ersten Reihe vorbei auf die Bühne und genießen endlich die frische Luft.

Aber abgesehen davon ist es super hier und es purzeln – wie ein paar Sätze vorher erwähnt – lauter nette Kleinigkeiten durch den Abend wie von einer gerissenen Perlenkette. Auffallend höflich ist das Publikum heute, selbst die derbsten Jungs machen durch schulmäßiges Fingeraufzeigen auf sich aufmerksam und der Gipfel der Wohlerzogenheit ist folgender Satz: „Entschuldigen Sie, das ist ein Dancetrack! Können Sie mich bitte durchlassen?“ Ja, in so einem kleinen Club kriegen wir eben alles mit und so entsteht sehr schnell eine entspannte Atmosphäre. Wir brauchen das heute, denn wir sind alle den Tag über nicht ganz auf der Höhe gewesen und die ersten Lieder hindurch fühlen wir uns immer noch ein bißchen wie menschliche Fettfilter. Aber „Weltretten“ gerät derart lustig mit diesen netten Menschen vor uns, daß wir spätestens jetzt durchgepustet sind. Bei „Warten“ singt das Publikum mal ganz nebenbei das längste „Yeah“ der Musikgeschichte und wir antworten mit dem längsten „U“ der Theaterchoreographiegeschichte. Es ist wieder ein bisschen Schullandheimatmosphäre ausgebrochen auf der Bühne, so was passiert, wenn man Erwachsene unter Sauerstoffentzug setzt, aber es tut der Show heute in keiner Weise Abbruch. Die kleinen Konzentrationszipperlein kriegen sowieso nur wir mit, wenn zum Beispiel Pensen die Setliste nicht mehr entziffern kann oder ich „musikalische Liebesgrüße“ nicht mehr über die Zunge bringe – hat einer was gemerkt?
I wo, hier ist heute keiner zum Kritteln da, es wird getanzt, gelächelt, gehopst und gesungen, es gibt verschiedene kleine Choreographiegrüppchen, die sich Vorführungen für uns ausgedacht haben und überall, wo wir hinsehen, herrscht eine ausgelassene Stimmung. Das Zugabeset fassen wir kurzerhand zusammen, wo soll man hier auch hin, um sich vor dem Publikum zu verstecken und warum auch!

Wir sind ja um jede Minute froh, die wir nicht in die Friteuse müssen, also spielen wir einfach weiter, bis wir keine Lieder mehr haben, freuen uns über die Flasche Whiskey und die Eiswürfel, die uns vom Club dediziert werden und stoßen an auf Koblenz, den sechsten Tourtag, der ein guter war und auf bitte bald wieder.

Koblenz, ahoi! Bleibt uns treu! – wir müssen weiter.

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