Tourtagebuch

Kulturladen, Konstanz

15. Apr. 2011

von Rüdi

Heute geht ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung: Seit Bestehen der Band wollte ich mal mit den Kollegen Monsters in meiner Heimatstadt Konstanz spielen. Sozusagen, am anderen Ende der. Welt. Aber wenn es mal so weit wäre, habe ich mir immer gedacht, dann müsste es auch gut werden. Und wie kann es gut werden, wenn wir in der Gegend völlig unbekannt sind?
Und dann hat uns unsere Booking-Agentur vor einem halben Jahr tatsächlich nach Konstanz gebucht. Und seit dem denke ich nervös an diesen Tag X.
Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Es wird ein einziges Desaster oder ein großes Glücksgefühl. Vielleicht wird es auch so lala..........das wäre aber schon ein Desaster.
Ich will ums Verrecken, daß es großartig wird!
Heimspiele lösen immer besondere Ängste aus. Das ist natürlich albern, denn jedes Konzert ist gleich wichtig, aber die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, vor den alten Freunden und Klassenkameraden, vor der Familie und den Lieben ein Konzert so richtig in den Sand zu setzen.......oh Gott, bitte nicht ausgerechnet heute Abend!

Aber vielleicht kommt ja auch gar keiner.

Oder aber Konstanz steht den ganzen Abend mit verschränkten Armen vor uns und mag uns nicht.

Der Konstanzer an sich ist ja ein furchtbar kritischer und abwartender Geist, der ist nicht leicht zu überzeugen und macht schon gar nicht aus Gefälligkeit irgendeinen Blödsinn mit. Was die Leute vom See von je her auszeichnet, ist eine gesunde Verweigerungshaltung allen Dingen gegenüber, die er nicht kennt.
Stimmt doch, oder?

Völliger Quatsch! Aber man steigert sich halt in so manches hinein. Höchste Zeit, daß es los geht.

Ich bin von Karlsruhe aus schon vorweg gefahren, um ein paar Stunden mit meiner Familie zu verbringen und Klamotten zu tauschen. Schön mit der Bimmelbahn durch den Schwarzwald ins beschauliche Allensbach. Dort wird mich die Band am Nachmittag abholen und kurz mein Elternhaus kennen lernen, bevor es dann die letzten zehn Kilometer in den Club geht.
Überpünktlich klingelt´s, der Bus ist da, kleine Raucherpause am Seeufer und ab geht’s.

„Und? Wie geht’s, Rüdi“
„Wird schon.“

Der „Kulturladen“ , in dem ich tatsächlich noch nie vorher war, ist ein richtiger Liveschuppen. So was tolles gab es zu meiner Zeit in Konstanz nicht.
Wir beschnuppern den Club neugierig und er gefällt uns. Es gibt mehrere Etagen für das Publikum, einen Raucherbereich hinter Glas mit Blick auf die Bühne und der hintere Anteil des Raumes ist treppenartig nach oben aufgestockt. Mit Menschen gefüllt sieht das bestimmt toll aus. Apropos: „Wie sind denn die Vorverkaufszahlen?“
Alan, unser heutiger Veranstalter, nennt eine Zahl jenseits der 200.

Das hat niemand so richtig erwartet.
Puh......

In meiner Phantasie, die heute echt negativ drauf ist, stehen 200 Leute mit verschränktem Arm vor der Bühne.

„Ach, das wird schon!“ beruhigt mich unser Tonmeister Urs und ich wette eine Flasche Whiskey dagegen, aber nur weil ich diese Wette verlieren will.

Ich brauche Ablenkung.
Ich assistiere Burger ein bisschen bei einem Photoshooting als Lichthalter, schreibe den Karlsruhe-Aufsatz und freue mich über einen kleinen Jungen, der im Backstage auftaucht und neugierige Fragen stellt.
Es gibt was Leckeres zu essen, die ersten Bekannten trudeln ein und auch die ersten seit Jahrzehnten nicht gesehenen Freunde.

„Und? Wie?“
„Wird schon.“

Anfangen!!

Als wir die Tür zum Saal öffnen, hören wir tatsächlich einen Monsters-Chor. Ein bisschen schüchtern zwar, aber deutlich zu hören.
Und als wir um die Ecke blicken, stehen da über 300 Leute, die auf uns warten und erst mal keine verschränkten Arme haben. Im Gegenteil: Monsters-Shirts, Applaus, Vorfreude.
Das Konzert beginnt und ich bin ab jetzt leider nicht mehr ganz in der Lage, den Abend genau zu beschreiben. Ich bin im eigenen Film und habe keine Ahnung, ob wir grade gut sind oder nicht. Ich höre erst mal nur einen Stein nach dem anderen von meinem Herzen fallen.
Es dauert bis zum Ende des Balladenteils, bis ich wieder ganz bei mir und dem Abend bin. Natürlich genieße ich das alles, aber ich bin derart überreizt von Eindrücken, Beobachtungen und Gefühlen, daß mir eine Reaktion zunächst schwer fällt. Erst nach über einer Stunde traue ich mich zum ersten Mal, den Mund aufzumachen.
Als ich endlich einsehe, daß sich Konstanz tatsächlich mitreißen lässt, daß alle meine Befürchtungen dumm waren und hier sogar meine Hoffnungen weit übertroffen werden! Das Konzert ist wundervoll. So viele Menschen sind hier, die uns noch nie gehört haben und es gefällt ihnen.
Und ich spiele nach 27 Jahren tatsächlich wieder mit einer Band in Konstanz. Und die alte Band sitzt zum Teil da hinten und feiert mit uns mit. Was für ein unfassbar schönes Leben führe ich doch.
Das sind die Gedanken, die mich den ganzen Abend hindurch begleiten. Und ein Gefühl der Dankbarkeit für dieses tolle Konstanzer Publikum, das alles tut, damit mir die Seele nicht verhagelt wird.
Oh Mann, seid Ihr lieb!
Als Totte bei Sususu wieder auf Armen getragen wird, weiß ich gerade nicht, ob das heute das beste Konzert aller Zeiten ist. Aber ich leide ja noch immer an dieser Reizüberflutung und solche Fragen dienen lediglich dem Systemabgleich. Ich weiß nicht, wie gut wir heute sind. Ich kann dieses Konzert mit keinem anderen vergleichen, es wird für mich immer ein besonderer Abend bleiben.

Danke für das!

Danke „Kulturladen“ für das Experiment, Danke Konstanz fürs Mitmachen, Danke Uwe, Joseph, Rüdiger, Alan.....

Ich hör jetzt auf.

Die Flasche Whiskey gehört Urs!