Tourtagebuch

Festung Mark *ausverkauft*, Magdeburg

29. Apr. 2011

von Rüdi

Au weia, wie soll ich das nur schaffen......
Heute ist so viel passiert, daß es für drei Tagebucheinträge reichen würde und ich habe noch nicht mal die leiseste Ahnung, was ich jetzt noch an Erinnerungen wachrufen kann. Selten hat unsere Band in letzter Zeit einen solchen Abend erlebt und einen solchen Tag voller Gefühlswechselbäder. Es wird sehr schwer werden, dem in diesem Tourbericht gerecht zu werden.

Ich teil das am besten mal auf in verschiedene Themen.

Nachmittag:

Wir checken ein im „Sleep and go“, was so viel heißt wie „Schlaft und verzieht euch!“, aber eigentlich ein recht gutes Hotel ist mit Riesenzimmern und weit voneinander getrennten Betten. Ideal für uns Schnarchnasen.
Eines dieser Zimmer nutzen wir auch gleich für unsere Aussprache.

Wir sind damit gestern nicht richtig zu einem Ende gekommen und müssen heute noch mal ran. Am liebsten würden wir ja immer nur Konzerte spielen und unseren Spaß mit euch haben, aber in so einem selbst organisierten Haufen wie unserem mit so vielen verschieden Charakteren, Egos, Vorstellungen und Ansichten, müssen manchmal ausgiebige Gespräche geführt werden. Das ist wichtig für unsere Freundschaft und für die Band und damit auch für euch, wenn ihr auch in zwanzig Jahren noch zu unseren Konzerten kommen wollt. Diese Gespräche sind zwar nicht unbedingt angenehm, aber normal und für niemanden ein Grund zur Sorge. Auch nicht, wenn ich jetzt berichten muss, daß auch dieses Gespräch noch nicht ausreicht und wir uns anschließend im Vorhof der „Festung Mark“ sogar noch ein drittes Mal zusammensetzen müssen bis uns die Köpfe rauchen. Und vielleicht würden wir da in drei Tagen immer noch sitzen, wenn wir nicht zum Soundcheck gerufen würden, damit wir heute Abend ein gutes Konzert geben können. Und dazu sind wir ja schließlich hier.
Ganz nebenbei erleben wir ein Wunder, eine meteorologische Unmöglichkeit: Es regnet, obwohl keine einzige Wolke am Himmel steht.....
Liebe Stubenhocker: So etwas geht nicht! Und weil nicht sein kann, was eben nicht sein kann, findet diese Unterredung trotzdem im Freien statt. Es regnet ja nicht.


Der Club

Die „Festung Mark“ ist – glaube ich – eine alte Kaserne. Im zweiten Stock befindet sich ein Saal, in dem wir heute unser Konzert geben sollen. Bei der ersten Begehung finde ich die Bühne nicht. Tatsächlich! Die Säulen in diesem Saal sind so dick, daß sie eigentlich fast immer – egal, wo man steht – den Blick auf die Bühne ganz oder teilweise verdecken. Eine schwierige Angelegenheit. Wenn ich zu einem Konzert gehe, möchte ich eigentlich auch die Möglichkeit haben, die Band zu sehen, für die ich Eintritt gezahlt habe. Vor meinem geistigen Auge spielen sich tumultartige Protestbekundungen des Publikums ab. Aber, so viel darf ich hier schon verraten: Es wird nicht passieren!
Ein zweites aber deutlich weniger gravierendes Problem ist der Tatsache geschuldet, daß wir eine Band von Rauchern und Trinkern sind und die dafür erforderlichen Wege sind hier sehr weit und zeitraubend. Offenbar wird in der „Festung“ aber gerade ziemlich viel umgebaut und vielleicht liegt es ja diesem Umstand , daß die interne Organisation an manchen Stellen ein bisschen holpert. Aber das sind nur Befindlichkeiten einer Rockband auf Tour und es fällt uns durchaus auch auf, wenn uns beispielsweise die Künstler-Betreuerin Alice zu unserer Besprechung sehr nett ein paar Biere in den Vorhof bringt.

Das Vorprogramm

Katy Clue ist in der Liedermachingszene eine Ausnahmeerscheinung. Wenn man an ihn denkt, dann ruft das Gehirn fast reflexartig die skurrilsten Bilder hervor. Oft handeln sie von freigelegter Haut, wehendem Haar und expressionistischen Tänzen. Man will diese Bilder nicht unbedingt oft wachrufen, das sind Erinnerungen für den ganz besonderen Moment.
Heute spielt Katy Clue für uns sein wahrscheinlich diszipliniertestes Konzert. Erst allein, dann mit Pensens Unterstützung stellt er seine seltenen Lieder vor, die „Russland“, „Gott“, Gehirn“ und „Liebe“ heißen und von einer gesamtheitlichen Schönheit geprägt sind, die nur noch von seiner 7 Oktaven-Stimme in Konkurrenz gestellt werden. Ganz seltene Perlen werden hier ausgeschüttet, man muss allerdings auch ein bisschen aufpassen, daß man sie einsammelt und nicht darauf ausrutscht.




Das Konzert

Das Konzert ist speziell, denn was ich vorher erwähnt habe, gilt natürlich auch anders rum. Und so hat jeder von uns Monsters heute sein eigenes Bild von unserem Publikum, den jeder blickt von einem anderen Winkel in den Säulensaal. Ich zum Beispiel sitze direkt vor einer einmeterfünfzig breiten Steinwand, aber dafür habe ich links von mir fast meinen eigenen Block, mit dem ich sehr viel Spaß habe. Fred kann von all dem wiederum nichts mitbekommen, dafür hat er Blick auf die Leute hinter meiner Steinwand, die bestimmt auch sehr toll mitmachen. Da bin ich ziemlich sicher, aber wissen kann ich es nicht. Diesem Umstand ist dann auch der lustigste Balladenteil geschuldet, den wir je erlebt haben. Es ist das erste Mal überhaupt, daß bei uns während unserer leisen Lieder auf der Bühne die Lachtränen fließen, allerdings leider und dummerweise auf Kosten der völlig falschen Person und wir möchten das an dieser Stelle dringend aufklären!
Weil Fred bei seiner Ballade auch gerne mal für das Gros der Gäste sichtbar sein möchte, tauscht er mit Börnski den Platz. Daraufhin glaubt unser Tonmeister Urs, daß mit Freds Mikro was nicht stimmen könnte und bittet den örtlichen Haustechniker, sich des Problems anzunehmen. Der wiederum erscheint also plötzlich mitten im leisesten Teil des Konzerts vor der Bühne und fängt an, auf Freds Mikrophon einzuklopfen und daran rumzuschrauben. Er macht alles genau richtig, aber wir Monsters schnallen überhaupt nichts und lachen uns während dieses wunderschönen Lieds kaputt und schütteln mit unseren Dummköpfen. Lieber Haustechniker: Sorry für dieses Missverständnis und Danke fürs Kümmern!!
Aber das ist nicht die einzige Besonderheit des Abends. Bei „Weltklassemelodie“ stellen wir einen neuen Rekord auf, der rechnerisch auch nicht mehr zu toppen ist, solange wir sechs Monsters sind, denn heute ist das Orchester auf alle Bandmitglieder ausgeweitet und es spielen sechs Personen drei Instrumente. Toll was?! Und weil es so schön war, wird bei „Expunker“ die Flöte auch gleich zu dritt gespielt. Zwar ist seitens des Publikums heute etwas weniger Interaktion möglich, aber wir spielen dafür ein ziemlich konzentriertes Set, wie das bei uns so oft der Fall ist, wenn wir zuvor eine Aussprache hatten. Mich zum Beispiel überkommt dann oft – wie auch heute – eine unbändige Spiellaune.
Wir sind aber auch sehr beeindruckt vom Magdeburger Publikum, dem es natürlich heute mangels Sicht nicht gerade leicht gemacht wird. Ich hoppse ja auch nicht los, wenn mein Radio sich das von mir wünscht. Dazu kommt eine brüllen Hitze und seit der „Weltklassemelodie“ eine nahezu sauerstoffleere Luft. Chapeau, liebe Magdeburger – mehr geht nicht. Ihr seid toll!
Auf dem Teppich zu unseren Füßen tummeln sich die Sitzpogo-Fachleute, mein Block zu meiner linken lässt sich von mir als Chor dirigieren und als ich mal wegen eines Gitarrenausfalls den Platz tausche - au weia, was ist denn da hinten alles los! Ein wirklicher schöner Konzertabend ist das hier und wir fühlen uns wohl und sind entspannt.

Danke, liebes Magdeburg, für eure verständnisvolle Mitfeierei!


After-Show

A propos Mitfeierei.

Als wir am Hotel ankommen, öffnet Katy Clue die Hecktür unseres Busses und mit lautem Gepolter kommt ihm das halbe Equipment entgegengepurzelt. Lautes Geschepper und Gegröle durchdringt die Nachtruhe und lockt erst zwei, dann drei, dann vier, am Schluß sieben Mädels ans Fenster, die uns freundlich und irgendwie interessiert zuwinken. Unseren betrunkenen Anbandelungen stehen sie allerdings eher reserviert gegenüber und so beziehen wir in Zimmer 206 unseren Partyroom ohne sie. Schade, ein bisschen weibliche Anwesenheit würde unseren durchgeknallten Sauhaufen vielleicht ein wenig disziplinieren. Also geht der Teil der Band, der sich für am seriösesten hält, nämlich Börnski und ich, noch mal probieren.
Wir packen uns eine Gitarre, setzen uns auf die Straße vor die interessanten Fenster und singen ein Ständchen. Tatsächlich versammelt sich die Damenschaft auf dem Balkon. Da es sich bei den Mädels um einen lettischen Chor handelt, bemüht Börnski des nächstens auch noch eine lettisch sprechende Bankkollegin, die für uns die Einladung übersetzen soll. Wer könnte da schon widerstehen.....

„Good night!“ kichern die Mädchen uns zu und widerstehen ganz locker.

In Raum 206 wird derweil freestyle gerappt, die ganze Band ist in euphorischer Feierstimmung, ganz vorne mit dabei Katy Clue und es riecht wie in einem gefährlichen verrauchten Hinterzimmer, krass, wenn man von draußen reinkommt. Wir trinken pee-warme Whiskey-Cola und sabbeln bescheuerte Reime, dazu wird fleißig gefilmt und plötzlich klopft es an der Tür und drei der Mädels kommen etwas leicht verschüchtert herein. Sie husten sofort los und wedeln mit den Händen, aber sie setzen sich zu uns und jetzt wird die Klampfe ausgepackt und wir singen uns heimatsprachliche Lieder vor. Sie können zum Beispiel „Oh Tannenbaum“ auf lettisch und wir können „Anneliese Schmidt“. Da sie offenbar sehr jung sind, bekommen sie von uns nur die Reste der lauwarmen Cola, aber sie bleiben ein Weilchen bei uns sitzen und erzählen uns, daß sie auf dem Weg nach Berlin sind, um dort einzukaufen.
Und tatsächlich benimmt sich der Sauhaufen plötzlich, aber sie können ja nicht lange bleiben und kaum geht die Tür zu, schallt wieder „Cypress Hill“ aus Urs´ berüchtigter Partybox und das Gerappe geht weiter. Es ist eine der lustigsten After-Show-Partys der letzten Jahre und alle sind dabei und wir sind glücklich, daß wir uns haben.

Aaaaaahhhh Magdeburg!

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