Tourtagebuch

Jugendzentrum, Nordhorn

13. Mai. 2011

von Rüdi

Wenn man einen Marathon laufen will, sollte man kurz vor Schluss nicht noch eine Pause einlegen, sonst wird das Weiterlaufen schwierig. Ich weiß das halbwegs aus eigener Erfahrung. Die Beine kommen dann einfach nicht mehr in Gang und das Hirn ist schwer zu motivieren.

Zwei Konzerte trennen uns noch vom Tourabschluss und Körper und Geist verhalten sich genau so, wie ich es eben beschrieben habe. Heute Konzert?

Ich erwache, als Timmey mit einem Handstaubsauger die Tischplatte bearbeitet. Wir beide haben bei Fred zuhause genächtigt, oder besser gesagt: getagt. Fred ist schon mit dem Motorrad unterwegs nach Nordhorn und hat uns seine Wohnung anvertraut. Pensen war zuerst auch noch da, wir haben viel Musik gehört und Freds Kühlschrankinhalt vernichtet. Ich habe dann zunächst vorgelegt mit ein paar Songs, von denen ich weiß, daß Timmey sie hören muss und er hat gekontert mit dazu passenden Musikperlen aus seiner i-Tunes-Mediathek – allerfeinstes Zeug. Auf diese Weise lernte ich „Neal Morse“, „Dredg“, „Dream Theater“ und den Drummer Mike Portnoy kennen, Timmey kennt dafür jetzt „Archive“, „John Zorn“ und die neu bearbeiteten „The Lamb lies down on broadway“-Aufnahmen. Das ging so bis in die frühen Morgenstunden. Es war herrlich! Wie wichtig Musik doch ist!

Und jetzt ist es 11 Uhr, der Staubsauger dröhnt und Claudio bringt den Bus gleich und schnell, schnell, schnell – wir müssen noch packen, das Merch aus dem Keller holen.....

Als ich das zweite Mal erwache, sind wir in Nordhorn, „Jugendzentrum Nordhorn“, genauer gesagt. Wir kennen das hier, waren schon zwei Mal da, der Herbergsvater Ralf ist ein freundlicher Mann, der die Interessen der Minderjährigen verteidigt und daher rigoros sein Rauch- und Schnapsverbot auch gegen uns durchsetzt, dafür kriegen wir ein Steak und Bier von Fass. Zur Aufhellung des Touralltags haben wir uns heute „Simon und Jan“ eingeladen, zwei Lieblingstypen von uns, und zwar wenn sie singen, aber auch wenn sie nicht singen. Sie treffen auf einen unmotivierten und müden Monsters-Haufen, der im Backstage rumschläft, rumstöhnt und rumnörgelt und der seine müden Knochen ab und zu mal von A nach B schleppt. Diese verdammte Pause!
Die ersten Fans trudeln ein, weil auf ihrer Eintrittskarte 17.30 Uhr als Showbeginn steht und wir vertrösten sie auf den Abend. In einem Anflug von Tatendrang gehen Börnski und ich zusammen mit dem „Meerbuscher“ zur Tanke rüber und kaufen Zigaretten und Getränke, dann ist aber auch schon gleich wieder höchste Zeit für die Couch. So geht das weiter, es ist ein ganz furchtbar träger Tag, da kann auch Pensen mit seiner munteren Art heute nichts mehr ausrichten.

Gong!

„Simon und Jan“ spielen das Vorprogramm. Gewohnte Bestqualität. Leider viel zu kurz.

Gong!

Jetzt wir.
Rund 120 Leute sind gekommen um mit uns durch unser Programm zu surfen. Oft sind es gerade die kleinen Konzerte bei denen wir plötzlich einen unerwarteten Schub bekommen und so legen wir los und schauen mal, wann er denn gezündet wird, der Schub. Wann kommt die eine entscheidende Szene, die uns endlich entfacht und aus einem guten Konzert einen guten Abend macht?!

Sie kann nicht immer kommen. Manche Fußballspiele gehen eben 0:0 aus, auch wenn 90 Minuten lang aufs Tor geballert wird.
Und so erleben wir einen zwar lustigen Abend, dem aber keine besondere Magie innewohnt. Wir amüsieren uns, das Publikum amüsiert sich, hier und da ein übermotivierter betrunkener Fan, dort das ein oder andere übermotivierte betrunkene Monster, ein paar besonders gelungene Songs, ein paar lichte Momente – ein trauriger Abend sieht anders aus, aber es fehlt heute einfach das platzende Glückshormon. Bei uns wie auch im Zuschauerraum. Der Balladenteil funktioniert allerdings überraschend gut, wir freuen uns zu sehen, daß ein großer Teil unserer Zuhörer gewillt zu sein scheint, den Balladenteil zu unterstützen und auch die Betrunkensten im Publikum sind heute während dieses Teils besonders lieb! Bravo!
Bei „Sexkranker Expunker“ brechen dann allerdings die Dämme und ein glücksleuchtender Suffkopp hat plötzlich ein Mikro in der Hand, das er allerdings verpeilterweise von einem betrunkenen Monster in die Hand gedrückt bekommen hat. Mangels Textsicherheit und Musikalität muss dieses Projekt aber sofort wieder abgebrochen werden, worauf sich der Expunk-Fan auf die Bühne legt.
Liebe Betrunkene: Bitte kommt nie auf unsere Bühne gestolpert! So ein Mikrophon ist stahlhart und so ein Zahn ist schnell draußen. Wir kriegen sofort Schiss um unsere Beißerchen und wir glauben keinem, der sagt: „Ich pass schon auf!“
Aber das nur am Rande. Das ist in keinster Weise abendprägend, denn zu diesem Zeitpunkt ist das Konzert eh schon fast zu Ende und wir möchten eine durchschnittliche Leistung hinter niemandem verstecken.
Im Zugabenteil freuen wir uns, noch mal „Simon und Jan“ bei uns zu haben, die lassen wir auch nicht mehr weg und so sitzen wir am Ende zu acht auf der Bühne und feiern den Ausklang eines netten Abends.

Für mich persönlich endet der Tag, wie er begann. Ich sitze - diesmal mit Simon und Jan - in ihrem Zimmer, wir spielen uns über Kopfhörer Musik zu und ich lerne eine Menge wundervollen neuen Zeugs kennen: „Angus and Julia Stone“, „Moritz Krämer“, „Mumford and Sons“, „Bombay bicycle club“, „Spaceman Spliff“.

Und wir lachen uns mehrmals während der Nacht über diesen Link kaputt:

http://www.youtube.com/watch?v=4p1_vRm_t-s


Gute Nacht und vielen Dank an die Mitarbeiter des „Jugendzentrum Nordhorn“.

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