Tourtagebuch

Kulturwerkstatt, Paderborn

02. Apr. 2011

von Rüdi

Als wir das Hotel verlassen, ist der Frühling ausgebrochen. Völlig unerwartet und so zu sagen aus heiterem Himmel. Peng! Da ist er. Ich sitze mit meiner dicken Wollhose, Pullover und Schal auf der Hoteltreppe und gucke neidisch die anderen Monsters an, die wohl aus dem Fenster geguckt haben, bevor sie sich angezogen haben. Ich habe eigentlich überhaupt keine Sommersachen mit – die wollte ich mir unterwegs irgendwann kaufen, wenn mal Zeit ist. Zum Glück sind wir auf Tour ja ein rollender Klamottenladen, also frage ich Timmey nach einem guten Stück aus unserer aktuellen Kollektion. Das hilft zwar ein wenig, aber die dicke Wollhose habe ich danach leider immer noch an.
Totte und Börnski schlendern derweil mit einer ziemlich seltsam aussehenden Einkaufstüte an uns vorbei, die Art von Tüte, die Männer nur äußerst ungern tragen, erst recht nicht, wenn sie einen gewissen Coolheitsfaktor ausstrahlen wollen. Aber ätsch, wir habens gesehen.

Eineinhalb Stunden bis Paderborn, ab 14 Uhr können wir ins Hotel. Da brauchen wir noch eine längere Pause, die wir mit Ball kicken und über Preise ärgern verbringen. Ein Viererpack Taschentücher kostet zum Beispiel 2,99 Euro. Im Ernst.
Das Einchecken im Hotel ist wie so oft ein kleiner überdrehter Film für sich, aber der junge Mann an der Rezeption lässt sich von so einem seltsamen Haufen wie unserem nicht aus der Ruhe bringen und händigt uns am Ende die Schlüssel aus. Fred und ich teilen uns ein Zimmer und wir sind begeistert. Ein sonniger Balkon, Raucherlaubnis, ein funktionierender Kühlschrank, Mikrowelle.....ich geh dann mal einkaufen.
Ein paar Hundert Meter entfernt befindet sich einer jener hässlichen Konsumtempel die unseren Vorstädten ihren Einheitsstempel aufdrücken und die von den immergleichen Firmen bevölkert werden. Nein, hier werde ich meine Hose bestimmt nicht kaufen, aber Wasser, Wein, Oliven und Käse und dann zurück ins Hotelzimmer und den Tourbericht fertig schreiben. Unterwegs begegne ich Pensen, der gerade glaubt, er jogge durchs Sauerland, weil alles so hügelig ist. Auf den ersten Blick sehe ich zwar keine Hügel, aber Pensen kann auch sehr weit laufen.
Im Hotelzimmer setze ich mich dann an die Schreiberei, Fred schneidet den Podcast von gestern und nebenan wird auf dem Balkon ein kleines Sektstelldichein abgehalten. Auch kein schlechter Zeitvertreib, ich kann ja mal kurz rüber gehen....
Totte hat in der Zwischenzeit einen Friseur aufgesucht und irgendwer hat eine Magnumflasche Sekt angeschafft. Die Stimmung ist super – warum auch nicht – aber mir bekommt kein Sekt. Also zurück an den Bericht.
Als wir später vor dem Club vorfahren, sitzen unsere so genannten Hardcorefans schon davor. Sie haben sich vermehrt, mittlerweile sind sie schon zu viert und schickern sich schon mal gemütlich einen in der Sonne. Auch hier scheint die Stimmung gut zu sein. Kurzes Hallo, Bus ausladen, Timmey baut sein Merch auf, Claudio kümmert sich um die Anlage und wir verbringen die Wartezeit bis zum Soundcheck mit Brötchen und Burgers Musikauswahl im Backstage. Genau hier, wo wir unsere Wartezeit mit Brötchen und Burgers Musikauswahl verbringen, sollten wir eigentlich heute Abend spielen, aber aufgrund der großen Nachfrage wurde das Konzert in den größeren Saal verlegt. Solche Nachrichten hört eine Band natürlich gerne und so schmecken die Brötchen gleich doppelt gut.
Es geht sehr entspannt und professionell zu in der „Musikwerkstatt“, Chris kümmert sich sehr aufmerksam um uns und ruckizucki ist es kurz vor neun, wir haben warm gegessen, fühlen uns alle wohl und der Saal ist voll.

Auf geht’s!

Obwohl wir schon zwei mal in der Kulturwerkstatt waren, war nicht mit dem zu rechnen, was wir in den nächsten Stunden erleben werden. Ganz bestimmt kommt uns jetzt die Teilnahme am „Unifest“ und dem „Serengeti-Festival“ zugute, aber es sind auch viele neue Zuhörer gekommen, wie sich herausstellt und diese Mischung ist offenbar perfekt. Als wir auf die Bühne um die Ecke biegen, sehen wir schon in fluoreszierenden Großbuchstaben „MOL“ zur Begrüßung, da war doch bestimmt wieder Pyrotechniker JR am Werk, aber das ist nur der Anfang von einer ganzen Reihe von charmanten Geistesblitzen, die wir heute beobachten dürfen. Der ganze Saal ist auf eine großartige Samstagnacht eingestimmt, offenbar haben sich alle heute Nachmittag frühlingsausbruchmäßig irgendwo wohl gefühlt und möchten den wunderschönen Tag nun zu einem krönenden Abschluss bringen.
Auch wir Monsters sind in Hochform. Wir sind absolut zufrieden mit uns und das obwohl wir uns durchaus kritisch ableuchten. Aber heute spielen wir ein richtig gutes Konzert. Aber wie sollte es auch anders sein, wenn bei unseren Liedern derart lautstark mitgesungen wird, wenn bei den neuen Liedern aufmerksam zugehört wird und trotz einer schier oxygenfreien Luft bis zum letzten Ton ein konzentriertes Konzert möglich ist. Wenn uns Leuchthände winken, wenn Beinprothesen mitgeschwenkt werden, wenn alle mitschunkeln, mithopsen und die bescheuertsten Choreographien mitgemacht werden. Wenn man, egal wo man hinsieht, nur in freundliche und lächelnde Gesichter blickt. Wenn im Saal Konfettikanonen gezündet werden, die Wunderkerzen den letzten Sauerstoff verbrennen und trotzdem niemand rausgeht, um Frischluft zu tanken. Wenn selbst die dritte Ballade am Stück noch für Romantik sorgen kann und anschließend sofort wieder in den Partymodus umgeschaltet werden kann. Dann ist man offenbar in?
Erraten.
Und wenn alles so zusammenläuft, wundert es auch niemanden mehr, daß es ausgerechnet zum Trinklied punkt Mitternacht ist und Fred heute Geburtstag hat.

Perfekt!

Wir gratulieren!

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, lieber Fred!
Herzlichen Glückwunsch zum Konzert, liebe Monsters!

Danke Paderborn – Ihr wart groß!

Ach ja, die Tüte.....
Die war natürlich für Fred.

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