Tourtagebuch

Wagenhallen, Stuttgart

08. Feb. 2013

von

Unsere rollende Villa Sorgenfrei hat sich nun endgültig in einen Krankentransporter verwandelt. Es wird geröchelt, gehustet und gerotzt, dass uns Soelve schon an den bloßen Geräuschen erkennt. Die Band wirkt seit gestern wie paralysiert, aber es wird alles geschluckt, was die Apotheke hergibt und sobald irgendeine positive Wirkung spürbar ist, wird es an die anderen Kranken verteilt. Zwar geht es Börnski ein wenig besser, aber dafür hat es jetzt Pensen, Urs und Burger erwischt. Viel schlafen, Wasser und Ingwertee trinken, Salat essen und vor allem wenig draußen rum laufen, denn der Winter hat uns wieder fest im Griff.
Mein heißester Tip ist allerdings die Riesenheizturbine, die in den kommenden Stunden die „Wagenhallen“ gemütlich machen sollen, zumindest den Teil, in dem nachher das Konzert stattfindet. Die „Wagenhallen“ selbst wären dafür zu riesig. Als ich einmal durch sie hindurch schlendere, verlaufe ich mich prompt und ein Umweg von 10 Minuten ist ohne weiteres schnell möglich. Überall stehen Autos, die repariert, ausgeschlachtet oder aufgehübscht werden oder zum Überwintern hier abgestellt wurden. Eher versteckt hinter einer unscheinbaren Tür findet man dann in den Konzertsaal. Ein imposanter Würfel, in dessen Ecken die Bühne und die Bar montiert sind. Und der saukalt ist.
Wir sind trotzdem Fans von den Räumlichkeiten und auch von den netten Leuten, die hier überall rum laufen. Eine Mischung aus Antiquariat, Museum, Werkstatt, Garage und Kulturtempel – ein sehr ungewöhnlicher Ort, wo wir hier heute zum ersten Mal spielen dürfen.
Auch die Vorverkaufszahlen hören sich gut an, obwohl damit in der Faschingszeit nicht zu rechnen war.
Aller Grund zur Freude!
Wenn nur die Bazillen und das Schneetreiben nicht wären.
Es kam auf dieser Tour nämlich häufiger vor, daß bereits bezahlte Karten nicht eingelöst wurden. Frost und Schüttelfrost haben offenbar dem ein und anderen Fan schon einen schönen Monstersabend verhagelt.

Wir werden sehen...

Wir sitzen in unserem Bus und sehen die ersten hart gesottenen Gäste durch den Schnee in Richtung Eingang stapfen. Sie sehen lustig und tapfer aus, wie sie da mit ihren vereisten und steif gefrorenen Frisuren an uns vorbei laufen.
Sie haben ein gutes Konzert verdient.

Es dauert ein paar Songs bis der Funke überspringt. In der Pause holen wir daher die Barhocker aus dem Backstage auf die Bühne, gefühlte zwei Meter hoch und nichts für Schwindelige, aber halb so gefährlich, wie sie aussehen. Denn sie sind aus zwei normalen Holzstühlen übereinandergeschreinert und etwas kompliziert zu besteigen, jedenfalls für Totte und mich, aber so sind wir jetzt auch für die hinteren Ränge sichtbar, was dem Konzert spürbar gut bekommt. Es wird sowieso ein ziemlich guter Auftritt vor einer imposanten, über 300 Zuschauer starken Kulisse. Völlig wider Erwarten hat es sogar an der Abendkasse noch gebrummt und völlig wider Erwarten sind unsere Stimmen am Start. Die Chöre sitzen, der exzellente Sound lässt darauf schließen, dass Urs wieder funktionierende Ohren hat und die aufflammenden Albernheiten auf beiden Seiten zeugen von zunehmendem Wohlbefinden. Allen voran spontanitiert sich Totte gut gelaunt durchs Programm, aber der singt eh auf dieser Tour keines seiner Lieder in der Urfassung, sondern baut ständig aktuelle Städte, Erlebnisse und Befindlichkeiten in seine Songs ein. Ich glaube nicht, dass hier plötzlich Pillen wirken. Ich glaube, dass es das großartige Stuttgarter Publikum ist, das uns hier flott macht. Es wird gesungen wie im Stadion und zugehört, wie bei der Verlesung der Lottozahlen. Wir trinken, feiern und lachen uns die Kopf- und Halsschmerzen weg und als am Ende der leise Applaus unhörbar die Hallen durchwabert, fällt uns der letzte Stein vom Herzen. Wir haben es nicht nur geschafft, es war sogar ein ganz wunderbarer Abend und wir behalten die „Wagenhallen“ in bester Erinnerung. Ein toller Laden, den tolle Leute betreiben und mit tollen Leuten auffüllen.

Stuttgart!!!

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