Tourtagebuch

Logo *ausverkauft*, Hamburg

01. Mai. 2014

von the dirty MOL Man

… und dann flutscht eine große Portion Zeit durchs Nadelöhr und alles ist schon wieder rum!

Das Katerkonzert, liebgewonnene Tradition, liegt heute allen auch ein klein wenig schwer im Magen. Nach über zehn Jahren Powerrock („Powerrock“ ist natürlich Quatsch, aber ich wollte unbedingt den Begriff unterbringen, er klingt so schön nach Pathos und Achtzigern. Drum gleich nochmal: „Powerrock“), werden wir im Anschluß an den Auftritt erstmalig die Gitarren in die Koffer packen, ohne zu wissen, wann wir sie wieder zum Monstern auspacken dürfen. Wir verabschieden uns in eine Pause auf unbestimmte Zeit. Jetzt könnte man sagen: „Ja, ja, hör auf, drauf rumzureiten, das wissen wir nun langsam!“, aber viele haben das anscheinend noch gar nicht mitbekommen. So frug ein Interviewer gestern baß erstaunt: „Ach, ihr macht ne Pause?“, nachdem ich baß erstaunt gefragt hatte, warum er eigentlich keine Frage zu unserer anstehenden Pause habe, woraufhin ich mich frage, ob der Tourname „Die große Sause vor der Pause“ nicht doch zu subtil war. Auch diesen Satz habe ich nicht nur allein der Information wegen geschrieben, sondern, weil ich ein Battle mit Teddypard zu laufen habe, und von ihm aufgetragene Aufgaben und Begriffe in diesen Text einfließen lassen muß. Jetzt habe ich bereits „Nadelöhr“, „Powerrock“ und „Interviewer“ in Verbindung mit „baß erstaunt“ untergebracht, jetzt fehlt eigentlich nur noch „Adlertitten“.
Zeit also, zum Kern zu kommen.
Wir treffen uns also im LOGO, noch scheint die Sonne und wir sind alle zumindest ehrenwert verkatert, denn gestern ging die Nacht für die meisten in die Überstunden. Etwas wehleidig jammerig brüten wir über der heutigen Setlist, im Bemühen, eine sinnvolle Mischung aus seltenerenen Liedern und liebgewonnenen Evergreens zusammenzustellen, derweil sich draußen der Gehweg vor dem Club mit unglaublichen Menschen zu füllen beginnt. Das kann man nämlich schon jetzt so sagen: Auf unser Publikum sind wir schon immer sehr stolz gewesen, allein in den letzten Wochen haben wir wieder mit so vielen lieben Menschen gefeiert, daß man nur ungläubig die Köpfe schütteln kann. Viele magischen Momente! Und das Katerkonzert ist und bleibt einfach das absolute Gipfeltreffen einer eingeschworenen Gemeinschaft. Mehr Miteinander geht eigentlich nicht!
Auch viele Freunde aus dem - ich nenns jetzt mal – „inneren Kreise“ schlagen heute auf, um mit uns in die Pause zu feiern: Achim Le KOKS-Music-Patron beschenkt uns mit Pausenutensilien, K.T.Clue und Kollege haben Whiskey dabei, Sabby testet vorsichtig Salzstangen auf Katerveträglichkeit, Urs kommt extra aus dem Urlaub, Familienmitglieder, Freundinnen und Freunde geben sich die Klinke zum kuscheligen Backstageraum in die Hand, eimn Wahnsinn, das alles! Selbstverständlich sind die LOGO-Menschen heute ebenfalls alle da, Eberhard, Krzinger, und zack, da ist die Demenz, jetzt fehlen schon Namen, aber sie sind alle da und wärmen unsere Herzen. Soelve, unser hoch verehrter Busfahrer hat uns einen Gruß im Gästebuch hinterlassen, der uns ehrlich rührt, Börnskis Sohn Jesse verweigert uns einen Zaubertrick, rechnet uns dafür aber fleißig was vor.
Ich checke noch einmal die Gitarre und verliere gegen Claudio im Danksagungs-Wettkampf (traditionelles Spiel gestandener Höflichkeitsrocker) und knacke dann rasch das erste Bier, denn da ist ein Klößchen im Hals, das muß weg. Das geht, glaube ich, nicht nur mir so.

Die Türen öffnen sich, Timmey steht schon fest am Merchplatz, innerhalb von einer Viertelstunde sind unsere Shirts, die wir eigens für den heutigen Tag angefertigt haben, ausverkauft (ich hab keins mehr abgekriegt), und die Uhr tickt aufgeregt etwas schneller und hoppla, schon ist es 15 Uhr und wir monstern uns ein.
Was dem folgt, ist eine Sause, die sich gewaschen hat! Wir kommen auf die Bühne, greifen uns Gitarren und Getränke und erleben ein Konzert, das uns so schnell nicht mehr aus dem Okpf gehen wird. Aufgrund der vielen Lieder, die wir ausgetauscht haben, teils, um Wünsche von HörerInnen zu erfüllen, teils, weil wir uns selbst überraschen wollen, bekommt die Party sehr viele neue Facetten für uns. Den Rest erledigt unser Superpublikum. Da werden Luftschlangenbomben gezündet und 100 Euro Blüten geworfen, das stehen plötzlich Torten auf der Bühne, aber nicht blöde aus Pimp-Rap-Videos, sondern leckere selbstgebackene mit Kerzen drauf, da brennen Wunderkerzen und klirren Bierflaschen prostend. Mitsingfrequenz? Enorm! Beim „Blues“ zum Beispiel definitiv ein Rekord, der das Wasser in die Augen treibt. Eukalyptusbonbons zerschmettern Burgers Weinglas, Rüdi hat für seine Liebe für Konfettiregen entdeckt, beim Pogo wird lauthals jedes System gefickt, der Stoffhase „Stoffhase“, der uns seit Aschaffenburg begleitet, hat einen Ehrenplatz auf der Bühne bekommen, Teddypard bleibt lieber im Backstage, weil er sonst vor Ausgelassenheit „alle“, wie er sagt, „zumindest aber den Stoffhasen auffressen müsste!“ und beim Lesen oder den Balladen schalten alle rasant auf andächtiges ruhiges Schwelgen um.
Daß wir heute besonders stringent auf der Bühne walten, kann man nicht behaupten. Aber warum auch? Heute rauscht der Tag, alles ist erlaubt. Irgendwann ist unsere Setliste durch, das ging zu schnell, wir wollen noch nicht aufhören, die zweite Zugabenrutsche kommentiert das Publikum mit Chorälen, in denen mehr gefordert wird. Sehen wir ähnlich und greifen uns spontan wieder Gitarren und Drinks, wackeln auf unseren Hockern und zumindest ich hab einiges damit zu tun, ein leises Schluchzen zu unterdrücken. Sususu, ab an den Tresen, Jägermeister für die Band, ab zurück, plötzlich war schon Eschnapur, hoppla, da wird bereits „Take on me“ gesungen, und das war das letzte Monsterskonzert vor der Pause. Wir liegen uns in den Armen, aber der Tag ist noch lang nicht vorbei. Der Gehsteig füllt sich rekordverdächtig mit Menschen, die den Moment ebenso wie wir rauszögern wollen, Rüdi und Burger lassen es unplugged Hits regnen, dann regnets auch von Himmel und wir gehen wieder alle ins LOGO rein, wo wir uns wieder im guten Kreis auf der Bühne versammeln und weiter unverstärkt spielen. Wir haben auch von tollen Menschen Geschenke gekriegt, aber die guck ich mir erst an, wenn der Schnaps alle ist, also zur Theke auf Tequila und Bier, dann zurück zur Bühne und das Ganze von vorn. Mist, Geburtstagslied vergessen, scusi Michaela. Wir gratulieren. Dabei fallen mir einige Anfragen und Mails ein, die wir im Tourchaos gar nicht beantwortet haben, das tut mir sehr leid. Manchmal geht manches eben auch unter. Konzertreisen sind eben auch ganz schön verrückt, da hat Realität manchmal keinen Zugriff. Darauf vielleicht noch einen Lütten.
Emotionsdelirium, aber schön.
Es ist schon spät in der Nacht, ich sitze mit Urs bei Hanna und ein Nachbar befindet just, daß es Zeit für uns wäre, die Beastie Boys etwas leiser zu machen. Womit er der einzige Mensch des heutigen Tages war, dem ich begegnet bin, der sich weniger Musik von uns wünschte.
Na ja, kann er haben.
Ich habs ja jetzt schon ein paarmal erwähnt: Jetzt beginnt die Pause. Der Monsterbus ist mal rechts rangefahren, und wir steigen alle aus, um uns in Ruhe die schöne Landschaft anzuschauen, die sich vor uns ausbreitet. Die muß jeder auch mal für sich allein genießen. Aber – und ich denke, da kann ich für alle Monsters samt Crew sprechen – irgendwann wird sich jeder sattgesehen haben und wieder im Bus Platz nehmen, ungeduldig auf die gemeinsame Abfahrt wartend.
Allein heute haben wir wieder gespürt, was wir an uns haben. Und an Euch sowieso! Dafür können wir nicht gebührend danken, drum stoßen wir an dieser Stelle am besten einfach mit Euch an, leeren die Gläser auf einen Zug und sagen: Auf bald! Bleibt uns gewogen und laßt es Euch gut gehen, Schwimmt nicht zu weit raus, Ihr wißt ja, die Haie... Und wir wollen Euch schließlich gut erhalten wiedersehen!
Ach ja, fast vergessen: Adlertitten.

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