Tourtagebuch

Moritzbastei *ausverkauft*, Leipzig

06. Apr. 2014

von Rüdi

Als wir heute morgen in Marburg starteten hatten wir zwei neue Erkenntnisse an Bord.
Erstens: Es macht höllisch viel Spaß, Börnski mit Sachen zu bewerfen. Wir taten das zwar erst mal nur mit Knallerbsen, aber als die aus waren, wollte auch er, dass wir noch andere Gegenstände ausprobieren.
Es knallt und scheppert und die Minibomben reißen kleine Brandlöcher in das T-Shirt. Man kann anhand der Schreie immer genau hören, ob, und anhand der Explosionen genau sehen, wohin man getroffen hat. Jack Ass für Erwachsene.
Urs fand sogar, dass das das tollste war, was er je gemacht hat.

Zweitens, und für die Tour vielleicht noch wichtiger: Wir können noch magische Konzerte spielen. Ein gutes Gefühl, das zu wissen, zumal wir heute in der Moritzbastei gastieren, wo wir seit Jahren genau das erlebt haben und uns jetzt doppelt auf den Abend freuen dürfen.

In unzähligen Tourberichten haben wir uns schon über diesen Veranstaltungsort ausgelassen, über die labyrinthartigen Kellergewölbe, über den Ladeweg, über das Catering und die Geschichten, die diesen Ort mit der Liedermachingszene und uns im besonderen verbindet.
Stets stand dort zu lesen, wie begeistert wir vom Leipziger Publikum sind und als wir im Backstage während eines Interviews mit 'Radio Blau' danach gefragt werden, können wir ohne Übertreibung und Koketterie genau von dieser besonderen Verbundenheit berichten. Wir haben hier einfach zu viel erlebt, um das noch relativieren zu wollen. Ja, andere Städte sind auch toll, ja, im Osten sind die Konzerte ein wenig anders als im Westen, aber vor allem: Ja, Leipzig ist der Hammer. Seit immer schon und ohne „aber“.

Den Tag verbringen wir mit diesem und jenem, Fußball gucken, Berichte schreiben, Abrechnungskram, Photokram, Bus einqualmen, Eisbecher essen, FDP-Stand gucken (man weiß ja nie, wie lange man das noch machen kann), mit ersten Gästen Unsinn quatschen, mit zuhause telefonieren, Musik hören, Filme gucken......

Bis es endlich los geht. Pünktlich um 20.00 werden wir von einem ausverkauften Haus empfangen und die erwähnte Fröhlichkeit setzt tatsächlich schon beim Betreten der Bühne ein. Leipzig halt. Erst recht, als wir die Stühle nach zwei Liedern durch Hocker ersetzen und man das Geschehen jetzt auch auf den hinteren Plätzen sehen kann. In der Folge erleben wir ein schlichtweg großartiges Konzert, das immer wieder von lustigen Einwürfen des Publikums nachgesalzen wird, das uns manchmal allerdings auch durch die Blume mitteilt, das es langsam Zeit für ein Lied wäre, wenn wir uns mal wieder allzu sehr in unseren Ansagen verzetteln. Allerdings lassen wir uns auch ungern aus der Ruhe bringen und machen dann erst recht noch ein bisschen weiter. Spielchen halt. Umgekehrt versuchen die Zuhörer ja auch bei Tottes Lesung, den Abend in die Länge zu ziehen, indem sie jeden einzelnen Satz mit Oohs und Aahs goutieren. Dafür brechen wir wiederum auch mal kurzerhand ein Lied einfach ab, um den Text und seine Pointen zu erklären oder zerstören unsere eigenen Lieder mit bewusst kaputten Soli. Klingt nach einer zerfahrenen Sache? Aber keineswegs! Es ist ein schillernder, bunter und vergnüglicher Abend, voller Magie, Sympathie und Schönheit. Manche Chöre sind uns vielleicht noch nie so gut gelungen wie heute, angestachelt von der aufmerksamen Leisigkeit dieses phänomenalen Publikums, das sich fast schon gestapelt gegenseitig den Sauerstoff wegatmet und doch bis zur letzten Sekunde mit dem Hirn bei uns bleibt. Ganz nebenbei kriegen wir auch noch für einen Besucher eine Mitfahrgelegenheit nach Dresden vermittelt, ersetzen umgekippte Biere und machen Werbung für erhellende Smartphonekonzerne. Absolute Stille nach drei Stunden Programm? Kein Problem für Leipzig. Stadion? Klar. Hier geht alles. Wir sind doch „Coldplay“. Ach nein, ja doch nicht. Wir haben nur ein Publikum, das unser Schatz ist und wir hoffen, das wir ihn nach unserer Bandpause wieder lichten dürfen, diesen unbegreiflichen und uns so ans Herz gewachsenen Schatz. Lasst uns uns so in Erinnerung halten! Wir jedenfalls werden diese Abende nie vergessen.

Wie fast immer endet die Nacht für einige von uns im heiß geliebten „Stoned“, wo wir mit netten Menschen noch ein paar Drinks durchs Gehirn wandern lassen, bis das letzte Glas geputzt ist.

Ach Leipzig!

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