Tourtagebuch

Alte Mälzerei, Regensburg

07. Apr. 2014

von Rüdi

Wir erwachen bei schönstem Wetter vor der „Mälze“, traumwandeln ein wenig orientierungslos durch die Räume, bis wir vor Jenny stehen, die Antworten auf unsere Fragen hat, wie zum Beispiel „Wo ist?“, „Habt Ihr?“ oder „Darf ich?“. Aber vor allem ist sie eine liebevolle Person, wenn es stimmt, was man über Köche sagt und außerdem lächelt sie schon morgens unentwegt aus ihrem freundlichen Gesicht. Auf der Frühstücksanrichte steht unter anderem eine Schwarzwälder Kirschtorte, aber nicht lange, denn heute ist Rüdi da. Soelve empfiehlt zwar die Leberkässemmeln aus dem Kaufland, aber da geh ich tatsächlich eine halbe Stunde später hin, um mir Magenschmerzpillen zu kaufen, weil ich halt zu viel an der Torte war. Ich nehme zwar so gut wie nie Tabletten gegen irgendwas, aber auf dieser Tour häufen sich die Zipperlein zu einem echten Schmerzdilemma zusammen und ab heute reichts mir. Ich will Kirschtorte essen, wenn es sein muss auch mit Schmerzen, aber wenn möglich ohne.
Also ab zum Kaufland und zurück zum Kuchen.
Natürlich ist das nicht unbedingt das Touristenprogramm, das man im Reisebüro bucht, aber ich kenne Regensburg ganz gut und ich hänge mit meinen Tourberichten hinterher, so dass ich heute auf einen Stadtspaziergang verzichte. Aber Pensen, Timmey und Burger zum Beispiel erfüllen unsere Touristenpflicht und wandern natürlich zur steinernen Brücke, um dort ein paar Fotos zu machen. Und finden unterwegs sogar die älteste Wurstbude Deutschlands. Alles richtig gemacht.

Ich leider weniger, denn ich beschließe, meine Tourberichte im Liegen zu schreiben, weil mir der Kuchen schwer im Magen liegt und das war es dann natürlich mit meinem Vorhaben. Als ich erwache, ist auch schon der Weiherer da, unser lieber und hoch geschätzter Kollege, der heute für sein Konzert im Mai werben will und ein kurzes Vorprogramm spielen wird.
Er ist ein sehr fleißiger Kollege, der eigentlich unentwegt auf Tour ist, sehr viel natürlich auch in Bayern, darum kennt man ihn selbstredend auch schon in der „Mälze“. Vor allem mit seinen turmhohen Ansagen und seinem sprühenden Witz versteht er es, das Publikum zu fesseln, bevor er dann ein paar Songs aus seinem neuen Album „A Liad, a Freiheit und a Watschn“ spielt, eine knackige und äußerst unterhaltsame halbe Stunde lang.

Und dann wir.
Wir sind nicht ganz so oft in dieser Gegend, Regensburg liegt in so einer Art totem Winkel auf der Club- und Festivalkarte der Monsters. Natürlich waren wir schon ein paar Mal in der Mälze, aber das ist schon eine Weile her und wer damals dabei war, hat vielleicht schon längst ausstudiert oder den Studienort gewechselt. Jedenfalls sind auffallend viele Erstbesucher anwesend und auch der Studienbeginn hat wohl dafür gesorgt, daß vor allem sehr junge Leute vor uns sitzen, die all die typischen albernen Spielchen und Turnübungen noch nie miterlebt haben und so zunächst Mal mit ein wenig fremdeln. Andernorts übernehmen manchmal eingeschworene Fans die Regie und stecken die Neulinge an, aber hier ist das nicht so und wir gucken in manch verwundertes Gesicht, wenn wir beispielsweise unser Lied abbrechen, um den weiteren Verlauf des Liedes zu erzählen, es dann aber nicht mehr singen. Wenn wir mit Spontanprosa uns selbst aus dem Konzept bringen oder den Punk an seiner Wurzel packen. Oder unsere Songs kurzerhand selbst zerstören. Oder ein Buch vorlesen. Ja, da zucken die Achseln, weiß auch nicht, ob die immer so drauf sind. Und in genau diese zweifelnden Blicke hinein, in diesem Moment des Anschnupperns, genau hier passiert es, fast unbemerkt, als wäre es nicht eine Supernova im Monsterskosmos, die Sensation des Jahres: Börnski nimmt zum ersten Mal eine Gitarre in die Hand und spielt ein Solo.
Nach der Pause nimmt der Abend dann deutlich Fahrt auf, nach den Balladen ist der Knoten geplatzt, jetzt wird gepogt, getanzt, gesungen und geprostet, Chris hat Geburtstag und kriegt ein Lied, die Scheinwerfer werden ausgepackt, Totte wird durch die Gegend getragen und tatsächlich wird auch heute wieder mit Blödsinn dem Tiefsinn gehuldigt, weil wir uns am Ende wieder mal kennen gelernt haben.
Bis nach rund vier Stunden Programm auf merkwürdige Weise die Kräfte entschwinden. Im Saal, wie auf der Bühne. Irgendwie ist plötzlich Schluss. Wir packen verdattert unsere Gitarren ein, als hätten wir einen coitus interruptus hinter uns. Wo ist die Schlussmusik? Wo die Leute?

Ach ja! 4 Stunden. Irgendwann reicht es halt auch.

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