Tourtagebuch

B 72, Wien

08. Apr. 2014

von He Man

In Wien leben viele Serben. Da gibt es an jeder Ecke einen Grill mit Cevapcici. Weiß auch nicht, woher ich das weiß, aber es ist eigentlich logisch. Im Grunde besteht Wien nur aus Schlössern, Pferdekutschen, Kaffeehäusern, einem bisschen Donau, einem Riesenrad und eben Balkangrills.
„Wir müssen wahrscheinlich nur eben da vorne links um die Ecke und dann kommt gleich einer! Komm mit, Timmey!“
Eineinhalb Stunden und 10 Kilometer später, nachdem wir tapfer alle anderen Essensangebote links liegen gelassen haben, sitzen wir beim einzigen Serben der Stadt, der ein Türke ist, aber prima Balkanplatte macht. Um uns herum das bunte Treiben eines Basars, wir fühlen uns wie im Urlaub, die Sonne strahlt auf die belebten Cafes und Schattenplätze sind begehrte Mangelware. Zurück im aufgeheizten Bus treffen wir Soelve, der auf Regen wartet und Fred, der mit uns Bier trinken geht. Auf der Straße werden wir von einem weiblichen Fan erkannt und dürfen ein Photo mit ihr machen und außerdem treffen wir dort auf die wahrscheinlich taubste Straßenmusikcombo der Welt. Also entweder, die hören nichts oder die wollen uns verarschen oder sie haben als einzige auf der Welt etwas verstanden, wozu mir der Zugang fehlt. Unerklärlich. Kein Ton stimmt. Wirklich keiner. Von beiden nicht.
Kostet einen Euro.
Totte, der zu uns gestoßen ist, zahlt.

Es wäre gut, wenn es regnet. Soelve braucht Schlaf und der Bus muss abkühlen. Nach dem Laden wäre gut. Um 17 Uhr macht der Club auf, danach darf´s gerne losgehen. Nach und nach trudeln die Kollegen von ihren Stadtrundgängen ein. Burger hat ein „Photowalk“ durch Wien gemacht und Börnski und Pensen sind zwei mal fast überfahren worden und finden die Wiener Polizisten sympathisch.

Jeder bringt seinen eigenen Flash mit, Wien ist für uns nicht irgendeine Stadt, Wien ist Ausland, die große weite Welt, es ist spannend und irgendwie geil, hier zu sein. Und das auch noch, um Musik zu machen. Hab ich schon erzählt, dass wir auf der Straße erkannt worden sind?

Endlich geht im B72 die Tür auf. Voller ängstlicher Vorfreude streifen wir durch den „Schwitzkasten“, den wir vor zwei Jahren schon einmal besucht haben, damals war es der heißeste Tag des Jahres und wir standen mit dem Publikum gemeinsam im eigenen Saft. Da wir heute sogar noch mehr Zuschauer erwarten als damals, sind wir froh, als endlich der Himmel bricht und der lang angekündigte Regen den Club einmal durchkühlt, bevor er von 125 Körpern wieder aufgeheizt wird.
Dann noch ein kleiner Spaziergang zum Schnitzelhaus, das eigentlich gar nicht so heißt, aber von uns so genannt wird, weil wir hier vollkommen klarer weise natürlich Wiener Schnitzel essen und zwar selbstverständlich vom Kalb, so wie damals. Pro Kopf kommen dann drei Dinger und dazu handwarmer Kartoffelsalat und für die Zigarette danach muss man nicht mal vor die Tür. Wenn ich jetzt noch ein Konzert geben soll, brauch ich dringend einen kleinen Braunen oder wie das hier heißt und einen Schnaps. Gibt’s im Club. Auf geht’s.

Da sind schon Leute, wie gesagt 125. Wir sind in Wien und uns besuchen an einem Dienstag 125 Leute! Es herrscht eine irgendwie knisternde Vorfreude, eine seltsame Euphorie schon bevor es los geht.
Wir freunden uns noch kurz mit dem Barteam an, weil wir ständig hinter der Theke hin und her müssen und weil wir unsere Drinks heute direkt vom Tresen beziehen, hauptsächlich aber weil es ein sehr nettes Barteam ist. Dann zwängen wir uns durchs Publikum auf die Bühne, balancieren auf die wackeligen Hocker und los geht’s mit einer wirklich ausgelassenen Wiedersehensparty. Sehr engagierter Pogo wird hier getanzt in der Walzerstadt, überhaupt ist die Stimmung klar in Richtung Trinkfröhlichkeit gebürstet, aber wir kommen sehr schlecht hinterher, weil wir nur mit großem Aufwand vom Hocker zu den Gläsern kommen. „Trinkt mit mir“, „Türen“, Mona“ „Frösche“ – das sind die Wünsche, die uns durch den Abend begleiten und wir erfüllen sie alle, wenn auch zum Teil erst nach dem Konzert am Tresen, dafür dann aber auch in der richtigen Verfassung.

Liebe Wiener, liebe Zugereiste und Studenten: Immer wieder gerne in dieser tollen Stadt, in diesem tollen Club und vor allem immer wieder gerne mit euch!

Nach der Pause würden wir gerne wieder dürfen!

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