Heimathafen, Berlin
14. Nov. 2015

Tourtagebuch

Heimathafen, Berlin

14. Nov. 2015

von Mr. Freeandeasy

Ganz kurz vorweg: Natürlich steht der Tag unter dem Eindruck der Geschehnisse in Paris, das ist ganz klar. Trotzdem werden wir diesen Abend in Berlin genießen, denn es ist fürwahr für uns kein gewöhnliches Gefühl, durch den Festsaal des „Heimathafen“ zu wandeln mit seinen 100 Jahre alten Kronleuchtern und den samtbezogenen Stühlen und all der Technik auf der Bühne und zu wissen, dass der ganze Saal in ein paar Stunden proppevoll mit Menschen sein wird, die gekommen sind, um unsere Band zu hören. Wir werden diese Leute heute Abend ablenken und unterhalten, alle sollen und werden es schön haben. Basta.
Also kommen wir zu unseren Problemen, typische Probleme des deutschen Alltags: Da steht ein Fahrzeug auf unserem Parkplatz. Polizei! Zwar hat Katherina von den „Landstreichern“ seit einer Stunde versucht, den Platz frei zu halten, aber eine so lange Strecke abzusichern, in Berlin, Samstags, Hauptgeschäftszeit, Neukölln, Karl Marx Allee – also den Job will ich nicht haben. Es ist für Parkplatz suchende Autofahrer nämlich kaum einzusehen, dass irgendwer so viel Platz brauchen könnte, wie wir ihn aber nun mal brauchen. Und darum steht da jetzt ein Auto. Und wir im Weg. Aber glücklicherweise erscheint dann doch noch eine Dame, die ihr Fahrzeug vor den Klauen des Abholdienstes retten kann, natürlich nicht ohne die obligatorische Rechthaberdiskussion. Aber Katherina regelt das für uns. Hallo Katherina. Schön, in Berlin zu sein.
Wir kriegen die Räumlichkeiten gezeigt, es gibt Brötchen, Süßes und Kaffee, wir stellen uns der Bühnencrew vor und lustwandeln durch den Saal, um uns eben beschriebenes Gefühl abzuholen.
Alle sind schon eifrig am werken und das gibt mir die Gelegenheit, mit den Bühnentechnikern heimlich einen ganz ausgefuchsten Obercheckerplan auszubaldöwern. Darf aber keiner wissen. Hihi, das machen wir.
Danach noch mal Lustwandeln auf dem Parkett, dann ein bisschen Straße gucken vom Nightliner aus, im Fotoshop gegenüber wird eine türkische Hochzeitsgesellschaft photographiert, da fällt Fred und mir auf, dass wir müffeln, da drüben ist ein Rossmann.
Wenn man irgendwo auf der Welt aus einem Bus wie diesem aussteigt, sollte man allerdings darauf achten, dass man möglichst wie ein gottverdammter Rockstar aussieht. Zu diesem Zwecke trägt Fred eine Jogginghose und Hauslatschen und ich kann anziehen, was ich will, das glaubt mir eh keiner.
Ich mir übrigens selbst nicht, ich geh noch mal lustwandeln und mich vergewissern. Jedes Mal diese Freude, wenn ich in den Saal guck. Donald Fagen lässt auf Soundcheck schließen, die Bühnentechniker haben meinen Obercheckerplan umgesetzt, jetzt fehlt nur noch das Hauptutensil – das wird mir mit einem Auto gebracht.
Also doch Rockstar. Noch ein wenig Lustwandeln?
Urs ruft zum Soundcheck.
Kein Problem.
Bin ja Profi.
Im Foyer gibt es Schwierigkeiten, weil die Leute aus dem Cafe nicht mehr rauskommen, weil der Ausgang von wartenden Fans verstopft wird. Aufkeimende Monsters-Chöre müssen unterbunden werden, um die umliegenden Kulturveranstaltungen nicht zu stören.

Moment mal! Wo bleibt denn hier in diesem Bericht die für euch sonst so typische Bescheidenheit? Ist das nicht ein bisschen dicke?

Nee, Leute, dicke wird’s erst beim Konzert. Eine restlos ausverkaufte Hütte voller mitreissender Partygänger, ein Opernpublikum, ein Moshpit, ein Fischerchor, eine pogende Masse, ein Festzelt und ein Kleinkunstabend – was auch immer, dieses Publikum hat alles drauf, was sich irgendeine Band dieser Welt auch immer wünschen mag. 800 Kehlen singen spontan selbst die allerneuesten Lieder und nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit müsste doch irgendwo ein Idiot stehen, der hier versucht zu stören, aber nein, nicht bei diesem Fest der Nichtidioten, hier wird gemeinsam durch die Plattenproduktion gerudert, alle helfen mit und machen den Abend zu einem für uns ganz großen. Ach ja, der Sensationseffekt ist eine brennende Wunderkerze, ihr glaubt ja nicht, wie viel Organisationstalent man für so was braucht. Überhaupt Talent! Wir sind aber auch wirklich ziemlich gut heute. Und an die kreischenden Mädelschöre werden wir uns gewöhnen, wie an Tourbuspartys und „Ausverkauft“-Schilder.

Hallo!!
Geht’s noch?

Tschuldigung. Es ging nur kurz mit mir durch. Aber dann macht so was nicht mit uns!


In aller Bescheidenheit: Unsere herzlichste Verneigung! Das war besonders.

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