Markthalle, Hamburg
20. Nov. 2015

Tourtagebuch

Markthalle, Hamburg

20. Nov. 2015

von Rüdi

Hamburg

Grande Finale.
Jedenfalls hoffen wir das.
Die Voraussetzungen sind bestens. Heute und morgen spielen wir vor ausverkauftem Haus in der Markthalle, werden von Freunden umzingelt sein und es wird niemandem an nichts fehlen, den meisten nicht mal an einem eigenen Bett. Veranstaltet werden wir von Tosch, einem über viele Kanäle mit unserer Band befreundeten Supertypen, der uns glaubhaft versichert, wie sehr er sich auf uns und den Abend freut. Nicht viel anders die Clubcrew, Chris und Luis umarmen uns wie alte gute Kumpels und gehen gleich daran, unsere Sonderwünsche auf der Bühne umzusetzen. Ich möchte heute nämlich wieder mal eine Wunderkerze im Balladenteil zünden, dafür brauche ich einen schwindelfreien Bergsteiger, der einen Draht unter die Decke hängt. Machen wir, kein Problem.
Schon früh tauchen die ersten Besucher auf. Soelves Familie ist heute dabei, Familie Paletti, Urs mitsamt einer Filmkamera (dazu kommen wir später), Katze Klose und Andy sind auch schon da und bereichern unser Hinterzimmer mit Getränken und Gesellschaft. Was gibt es noch zu erzählen? Die meisten Geschehnisse aus dem Backstagebereich sind natürlich streng geheim, das tut mir leid, aber bei so viel Prominenz müssen wir leider Rücksicht nehmen. Sonst steht das morgen alles noch im Boulevard.
Jedenfalls haben wir alle schon vor dem Konzert ein seltsames Gefühl der Zuversicht, ein für unsere grundskeptische Veranlagung eher seltenes Gefühl.
Dann ist Einlass. Wir bekommen zwei Päckchen nach hinten gebracht, wieder einmal total nett beschriftet und im Inhalt klar, die brauchen wir gar nicht zu öffnen, jedenfalls noch nicht. Darin werden sich allerallerfeinste Hackfleischscheisserchen befinden und selbst Totte freut sich, weil im zweiten Päckchen speziell an ihn gedacht wurde. Fleischlose Scheisserchen. Ulrike ist im Haus.
Aber noch bleibt alles schön verschlossen, wir haben von Tosch und seiner Mannschaft ein sensationelles Essen hingestellt bekommen und das muss erst mal bis Konzertbeginn wegverdaut werden.
So, nun ist aber wirklich gut mit Rock´n´Roll Interna aus dem Backstage, gehen wir doch mal rüber zum Merchstand. Da gibt Katze Klose nämlich grade eines seiner unfassbaren Unplugged Konzerte, so was hören wir des nächtens in unserem Tourbus und jetzt hier live on stage beim Merchstand. Nicht zu glauben.
Dann wir.
Wir haben bei 600 Karten Schluss gemacht mit Vorverkauf. Natürlich passen viel mehr Menschen in die Markthalle, aber wir wollten für die CD-Aufnahme möglichst komfortable Bedingungen schaffen. Für die Band und für das Publikum. Und jetzt sind alle da, es geht um die Wurst, auf geht’s in die letzte Runde.
Licht aus, „The Muppets“, Begrüßungsapplaus, „Zwerge“.
Und dann passiert was ganz komisches, was immer mal wieder passiert, aber ausgerechnet heute ist das seltsam. Ich finde nicht ins Konzert rein, ich weiß vom ersten Takt an, das wird heut nichts mit mir. Vielleicht hab ich zu sehr auf heute gebaut, was die Aufnahmen angeht, aber ich versau jedes Lied. Anderen geht es anders, das kann man hören. Fred ist stark heute und auch Börnski springt über die Latte, aber bei mir ist der Wurm drin, jedenfalls bis zur Pause. Natürlich haben wir Spaß. Wir haben immer Spaß, wenn wir spielen und erst recht in einer ausverkauften Markthalle. Aber es geht eben auch darum, eine CD einzuspielen und diesbezüglich kann ich den Auftritt knicken, jedenfalls ist das das Gefühl, das von mir Besitz ergreift und das ich irgendwie wieder wegkriegen muss. Jeder Song ist eine einzige Zitterpartie, der fünfte Versuch beim Stabhochsprung, der letzte Versuch beim Examen, der einzige Versuch beim Seiltanz über dem Grand Canyon. Albern. Hier geht es um nichts als Musik. Und trotzdem.
Das allerdings ist mein persönliches Hypochonderdrama, kaum einer wird so etwas merken, so lange die anderen mit besseren Gefühlen einspringen. Und das tun sie.
Ich glaube, heute wird zu einem großen Teil eingespielt. Das Publikum ist großartig und unterstützt uns nach Kräften, die technischen Voraussetzungen sind 1A und überhaupt kann man sich ein fulminanteres Tourende kaum vorstellen.
Die ganze Monstersfamilie hat allen Grund zum Feiern. Wir haben wahrscheinlich eine wirklich tolle CD produziert, wir werden sie lieben und ich auch, denn morgen ist ja auch noch ein Tag.
Die Feier beginnt allerspätestens, als wir gegen Ende dann endlich zu unseren Evergreens kommen und alle spüren, dass der letzte Knoten platzt. Der Saal wird zum Tanzboden, Konfettikanonen lassen es über unsere Köpfe regnen, Seifenblasen wabern, Schwingtüren öffnen sich, Wunderkerzen fackeln, was so einem gut gelaunten Stadion halt so alles einfällt. Schöner geht es einfach nicht, was für ein Segen, was wir mit unserer Band alles erleben dürfen. Und immer durften. Vor allem in Hamburg. Bis morgen, ihr Lieben, wir wissen, viele von Euch haben für beide Abende Karten gekauft.
Das ist auch so eine Story.
Es gibt so viele Gründe, vor Freude und Dankbarkeit zu platzen.

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